10. Das schwache starke Feld

Ein König kümmert sich stets um seine Figuren – die acht Bauern an der Front, seine Türme und Springer und Läufer und um seine Dame natürlich ganz besonders. Doch, wie der schwarze König in einer ganz besonderen Partie lernte, es sind nicht nur die Figuren, die seine Fürsorge in Anspruch nehmen.
In dieser Partie entschied sich Schwarz für die skandinavische Eröffnung, doch leider drehte sie sich schon nach den ersten Zügen in die falsche Richtung. Die Mannschaft um den schwarzen König hatte nichts an Material verloren, nein, es war die Platzfrage, die den Figuren zu schaffen machte – sie hatten kaum Felder, auf denen sie sich hätten tummeln können. Und wie es auch bei den Menschen ist: Zu viele Figuren in einem zu kleinen Raum mit verschlossener Tür, das bedeutet auf Dauer ziemlich dicke Luft. Auch der König wusste darum und befahl dem C-Bauern, einen Schritt nach vorn auf das Feld c6 zu marschieren, um die Tür der schwarzen Stellung einen Spaltbreit zu öffnen.

Nach 15. Ld2

„Das gefällt mir nicht“, flüsterte das Feld d6 zu dem Läufer, der es sich auf ihm bequem gemacht hatte.
„Warum denn?“, fragte dieser.
„Da ist kein C-Bauer mehr, der mich decken kann, kein E-Bauer mehr, der mich decken kann. Wer soll mich denn jetzt beschützen?“
„Ach, da passiert schon nichts“, winkte der Läufer ab. „Unser König weiß, was er tut.“ Just in diesem Moment platzierte sich ein weißer Springer auf e4 und schielte gefährlich grinsend zu ihnen hinüber.
„Hoppla, der greift mich an.“ Gelassen drehte sich der Läufer um – irgendwer würde ihm schon helfen. Aber sehr bald bemerkte er, dass er diesmal nicht auf die anderen Figuren bauen konnte und mit plötzlich nervöser Stimme rief er zum König hinüber: „Ich hänge – hallo, König, ich hänge!“
„Mach doch nicht so ein Theater!“, antwortete der König. „Geh nach e7!“ Das tat der Läufer und als Weiß am Zuge war und überlegte, entspannte er sich wieder.
„Siehst du“, sagte er zu d6, „der König weiß, was er tut! Jetzt kann ich dich beschützen.“
„Mal sehen, wie lange“, gab das Feld zurück – der Springer auf e4 hatte bestimmt kein Interesse daran, sich einfach wieder zu verziehen. „Außerdem bist du auf e7 auch bloß nicht gedeckt.“
Und es hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da rannte der weiße Läufer nach b4.
„Was jetzt?“, fragte d6. Der Läufer schwieg – er wusste genauso gut wie d6, dass er keine Wahl mehr hatte.
„Läufer schlägt b4!“, verkündete der König feierlich. Die schwarze Majestät schien den Ernst der Lage nicht allzu ernst zu nehmen.
„Dann mache ich mich mal auf den Weg“, verabschiedete sich der Läufer und ließ das Feld allein. Jetzt hatte d6 keine großen Bedenken mehr, jetzt hatte es richtig Angst.
Natürlich schlug die weiße Dame den Läufer. Er hatte d6 zwar ein bisschen genervt, aber jetzt wünschte es sich, er wäre noch da. Nachdem sich der schwarze König für Springer hf6 entschieden hatte, passierte es: Der Springer, eine gegnerische, feindliche Figur, stellte sich auf das Feld d6.
Und da stand er – und stand, wie er stand. Und die gegnerische, feindliche Figur verwandelte sich plötzlich in ein nicht halb so gefährliches weißes Pferdchen.
„Tagchen“, begrüßte es das Feld d6.
„Mit Weißen rede ich nicht“, gab d6 patzig zurück.
„Wieso nicht?“, fragte der Springer und schien wahrhaftig etwas erstaunt. „Ich bin gekommen, um dich zum wichtigsten Feld der Partie zu machen!“
„Ich? Wichtig? Wenn ich wichtig wäre, wäre ich wenigstens von einer schwarzen Figur gedeckt.“
„Ach, lass die Schwarzen links liegen – Wer will schon ein schwaches Feld sein? Komm auf unsere Seite!“
„Du spinnst wohl! Ich bin doch kein Verräter!“
„Ach, Verräter. Wer ist denn hier verraten? Wer wurde vom König schutzlos alleingelassen?“ D6 suchte nach einer schlagfertigen Antwort, grübelte angestrengt vor sich hin und fand doch nichts Brauchbares.
„Starkes Feld und weißer Held – oder schwaches Feld, das Schwarz in den Ruin treibt? Du hast die Wahl!“
„Unsinn!“
„Quatsch!“
„Sag ich doch!“ Diese Unterhaltung – wenn man sie denn als solche bezeichnen konnte – war zwar nicht gerade konstruktiv, aber irgendetwas musste d6 ja entgegensetzen.
„Weißt du was“, erwiderte der Springer nach einer Weile, „mir kann deine Entscheidung eigentlich egal sein. Ich stehe hier – ob dir das gefällt oder nicht – die Dame unterstützt mich, bald kommt noch mein Kumpel, der C-Bauer, hinterher. Ich dachte, wir könnten sowas wie… Arbeitskollegen auf freundschaftlicher Basis sein – die ganze Mannschaft hinter uns. Aber wenn du das für Unsinn hältst…“
Wäre d6 kein Feld von schwarzer Farbe gewesen, wäre es jetzt rot angelaufen. Vor Aufregung. Na gut, und vor Verlegenheit. „He, jetzt sei doch nicht eingeschnappt!“, versuchte es, den Springer zu beschwichtigen. „Vielleicht hast du ja ein bisschen Recht“.
In dieser Zeit hatte sich auf dem Schachbrett einiges getan: Die schwarze Dame hatte es nach c7 verschlagen, die weiße Dame war vom schwarzen B-Bauern nach a3 vertrieben worden und ein weißer Turm stand auf d1 bereit.

Nach 21. Da3

„Springer nach b6!“, hörte d6 den schwarzen König rufen.
„Der will nach c8“, stellte der Springer fest, „um mich aus dem Weg zu schaffen.“
„Und sich anschließend mit einem Freibauern rumzuschlagen?“
„Immer noch besser, als sich mit mir rumzuschlagen!“
„Angeber.“ Der Springer sparte es sich, den Kommentar zu kommentieren. „Was ist nun mit dir?“, fragte er stattdessen, während sich der weiße Turm auf den Weg nach d3 machte.
„Ich denke“, begann es vorsichtig, „ich denke, dass ich vielleicht doch einmal an mich denken sollte.“
„Also bist du jetzt bei uns?“
„Naja, das oberste Recht eines jeden Feldes ist sein eigenes Wohlbefinden.“
„Willkommen auf unserer Seite!“
Jetzt war es tatsächlich passiert – plötzlich löste sich dieses drückende Schwächegefühl, die Dame und der Springer schienen d6 nur so mit Energie zu betanken, mit weißer Energie, Energie eines starken Feldes!
Als der schwarze Springer nach c8 zog, kam der C-Bauer, um den Seitenwechsel mitzufeiern, nach c5.
„Hallo!“, rief er munter. „Ich habe gehört, ihr braucht noch Unterstützung – hier bin ich.“
„Danke, Kumpel“, wandte sich der Springer an ihn. „Du machst dein Ding, wenn ich nicht mehr da bin, verstanden?“
Der Springer war angegriffen. Sein neuer Kollege konnte jeden Moment geschlagen werden! D6 hätte vor der Partie niemals gedacht, dass es sich einmal um eine weiße Figur sorgen würde.
„Springer“, befahl der König – d6 hielt die Luft an, „nach d5!“
Auch in den nächsten Zügen hatte Schwarz nicht das Bedürfnis, den weißen Springer aus dem Weg zu räumen – ganz im Gegenteil! Im 25. Zug – der C-Bauer hatte genau mitgezählt –wies der König dem schwarzen Springer das Feld e7 zu. Dem Springer war seine Erleichterung anzumerken. Er machte es sich auf d6 sichtlich gemütlich – und ohne weiter etwas zu tun, mischte er die gesamte schwarze Stellung auf! Er und der C-Bauer hatten auch genug getan – nun ließen sie die Dame und die beiden Türme ran. Zusammen mit dem H-Bauern hatten sie eine schwere Aufgabe vor sich – aber aus diesem Grund waren sie ja die weißen Schwerfiguren. Mit jedem Zug wurde die Luft des schwarzen Königs knapper. D6 bewunderte, wie die weißen Figuren zusammenspielten, während ihre Gegner mit nichts als Abwehr beschäftigt waren.
„Ich war einfach zu stark“, merkte der Springer an. „Der König hätte mich schlagen lassen sollen.“
„Der König hätte mich nicht allein lassen dürfen!“, fügte d6 hinzu.
„Der König hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass ich mit meinem Bruder einfach das Zentrum beschlagnahme!“, sagte der C-Bauer bestimmt.

Nach 30. … g6

Der König hätte in dieser Partie wohl Vieles nicht zulassen dürfen – er hätte auch das Matt im 34. Zug verhindern können, aber – und die weiße Mannschaft konnte es verstehen – er wollte nicht länger vorgeführt werden. Er wollte sich einfach nur in die hinterste Ecke der Figurenschachtel verkriechen. Bis zur nächsten Partie. Und dann würde er auf jede seiner Figuren und jedes seiner Felder gut aufpassen – auch auf d6.

Verfasser: Tina Neumann, Meuselwitz

Die Geschichte beruht auf der Partie Jonny Hector (Weiß) – Jens Ove Fries Nielsen (Schwarz) aus dem Jahr 2012:
1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sf3 Sf6 4. d4 Lg4 5. Le2 e6 6. O-O Le7 7. h3 Lh5 8. c4 Dd8 9. Db3 Dc8 10. Sc3 O-O 11. Lf4 Sbd7 12. Tfe1 Ld6 13. Se5 Lxe2 14. Txe2 Sh5 15. Ld2 c6 16. Se4 Le7 17. Lb4 Lxb4 18. Dxb4 Shf6 19. Sd6 Dc7 20. Td1 a5 21. Da3 Sb6 22. Td3 Sc8 23. c5 Sd5 24. Tb3 Ta7 25. Tg3 Sce7 26. Df3 Sg6 27. h4 Taa8 28. h5 Sxe5 29. Txe5 De7 30. Teg5 g6 31. hxg6 fxg6 32. Txg6+ hxg6 33. Txg6+ Kh7 34. Dh5#