2. Das Problem mit dem Problem

Irgendein Nachmittag im Juni des vorigen Jahres. In Wien sitzt ein mittelmäßiger Schachspieler vor dem Schachbrett und versucht sich an folgendem Problem:

Otto Nerung,                                               #3

(Die nun folgenden Überlegungen und Handlungen entstammen einem Gedächtnisprotokoll und konnten nur mehr bruchstückhaft rekonstruiert werden.)
Sofort auffällig ist die Unbeweglichkeit der schwarzen Steine. Nur der Springer kann ziehen. Und den werden wir nun beseitigen. Aber Vorsicht: Beim Umwandeln des f-Bauern dürfen wir nicht die Dame wählen – Patt wäre die Folge! Daher 1. fxg8T. Damit muss der König ziehen. 1. … Kxc4. Und nun? Gott ist mein Zeuge: Ich habe Hunderte Züge versucht und keine Lösung gefunden! Das kann es nicht geben; so viele Möglichkeiten sind in der Stellung doch nicht vorhanden. Ich zog Türme, Springer und Läufer, versuchte mögliche und unmögliche Opfer zu bringen und zweifelte an der Richtigkeit der Stellung. Wie befürchtet stellte sich nach Überprüfung der Stellung heraus, dass alle Steine auf den vom Autor des Problems vorgesehenen Feldern standen. Also begann ich von vorne.

Akribisch notierte ich alle erlaubten Züge und beschmierte mit den Analysen stoßweise Papier. Ein ausgeklügeltes System für die Benennung der Blätter half mir beim Wiederauffinden der vielen gefundenen Varianten. Farbstifte kamen zum Einsatz, um die bereits leicht unübersichtlich werdenden Unterlagen durchschaubar zu halten. Das Wohnzimmer wurde zur Ablagestätte meiner zu Papier gebrachten Gedanken. Varianten 1 bis 8 deponierte ich auf dem Schreibtisch, Varianten 9 bis 12 auf dem Fernsehapparat und 13 bis 17 auf dem Bücherregal. Varianten 18 bis 24 musste ich kurzfristig ins Vorzimmer auslagern, weil meine rücksichtslose Familie den Esstisch für das Nachtmahl beanspruchte. Nach 15 Minuten hatte ich mich aber durchgesetzt, den Esstisch zurückerobert, und platzierte gerade die Varianten 25 bis 28 auf das Sofa. Als ich zu später Stunde versuchte weitere Varianten in der Küche zu stapeln, wurde ich dort von einer arbeitenden Person (sie kam mir zwar bekannt vor, doch wusste ich momentan nicht woher) eher barsch aus dem Raum gewiesen. Da ich ein friedliebender Mensch bin, weichte ich der angedrohten Gewalt und das Nachgerufene: „Ich bin deine dir angetraute Ehefrau!“ nahm ich erst nach Variante 31 wahr. Irgendwann zwischen 2 und 3 Uhr früh schlief ich auf Variante 34 ein.
Die Nacht war kurz und mein Schlaf ein einziger Albtraum. Überlebensgroße Schachfiguren bedrohten mich, grinsten mich hämisch an und wechselten laufend ihre Stellungen auf einem Schachbrett, das aus zusammengenähten Luftmatratzen zu bestehen schien. Schweißgebadet wachte ich auf, räumte etwa 200 kg Papier zur Seite und kam zu spät zu meiner Arbeit. Da sich im Leben alles ausgleichen muss, ging ich etwas früher und beugte mich bereits zu Mittag wieder über mein Schachproblem. Diesmal muss die Lösung gefunden werden!

Voll frischem Elan begann ich erneut die Stellung zu analysieren, durchforstete meine angelegten Varianten, fand zwar viele Fehler darin, aber keine Lösung des Problems. Viele Tassen Kaffee später war ich zwar der Problemlösung keinen Schritt näher, doch hatte ich eine neue Idee. Wozu hat man Freunde? Ich brachte die Stellung zu Papier, fertigte Kopien an und versandte diese per Briefpost und per e-Mail an Bekannte und Freunde mit der Bitte um einen Hinweis. Dann ging ich ins Kaffeehaus und versuchte dort mein Glück. Schamlos verteilte ich an die anwesenden Schachspieler die Problemstellung, unterbrach laufende Partien und forderte alle auf sich an der Suche nach der Lösung zu beteiligen. Nur mein an Irrsinn erinnernder Blick, so wurde mir später berichtet, hielt die Besucher von Protesten ab und ließ sie auf ihren Plätzen verweilen. Ein Blick durch das Lokal zeigte mir, dass alle Schachspieler am Problem arbeiteten und so platzierte ich mich in der Nähe des Ausganges und verwehrte jeden denselben, der nicht eine Lösung vorweisen konnte. Etwa eine Stunde bewiesen die Spieler Geduld und brüteten über ihren Brettern, doch dann versuchten die Feiglinge mit allen möglichen Argumenten das Kaffeehaus zu verlassen: „Ich habe noch einen beruflichen Termin.“ „Meine Frau erwartet mich zum Abendessen.“ „Ich muss zurück ins Altersheim.“ Alles Ausreden! Natürlich blieb ich hart und schickte alle zurück zu ihren Bretter. Erst zur Sperrstunde wich ich der Gewalt der Menge und gab den Ausgang frei. Selbstverständlich gab ich noch jedem einen Zettel mit der bewussten Stellung mit auf dem Weg und den Befehl, mich unverzüglich von der gefundenen Lösung zu informieren. Enttäuscht machte ich mich auf dem Heimweg. Zu Hause angekommen setzte ich mich sogleich zum Brett und verbrachte den Rest der Nacht mit meinem Problem.

Um 7 Uhr früh rief ich meinen Arbeitgeber an und meldete mich krank. Oder würdet ihr mich noch als gesund oder normal bezeichnen? Sogar meine Familie glaubte bei mir eine Psychose erkannt zu haben, welche der Volksmund einfach als Geisteskrankheit bezeichnet. Die nächsten Tage vergingen sehr langsam und wurden von mir nur verschwommen wahrgenommen. Ich nahm Abschied vom normalen Leben, irrte manchmal planlos durch die Stadt und Freunde erzählten mir später, dass ich auf Fragen mit unverständlichen Geplapper „Turm d3-d4, König b2-a3“ antwortete. Kaffeehäuser, die ich betrat, waren Minuten später leer gefegt, Bekannte, die mir auf der Straße begegneten, wechselten abrupt auf die gegenüberliegende Seite und in meinem Briefkasten fand sich keine Post mehr. Als ich begann meine Familie wie Schachfiguren zu behandeln, griff meine Frau ein. Sie zerbrach mein Schachbrett, warf die Schachsteine zum Müll, verbrannte meine Schachbücher und entzog mir alle meine Schachunterlagen. Es dauerte aber trotzdem noch einige Tage, bis ich fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen, der nicht mit Schach zu tun hatte. Dank meiner Familie gelang es mir diese kritische Phase meines Lebens schadlos zu überstehen und so kann ich heute nur lächelnd auf diese Zeit zurückblicken.

Bleibt noch zu berichten, was aus meinem Schachproblem wurde. Nun, es blieb für mich ungelöst. Aber das macht mir nichts mehr aus. Ich warte ganz einfach geduldig auf die nächste Schachzeitung und werde dann die Lösung präsentiert bekommen.

Verfasser: Alfred Stummerer, Wien