5. Deal

Philipp findet Alexandra cool. Schon ziemlich lange. Sie hat dunkelbraune, lange Haare und ein freundliches Grinsen. In den Mathematikvorlesungen schneidet sie immer richtig gut ab.
Philipp bewundert sie schon lange. Sie anzusprechen hat er sich noch nicht getraut.
Immer schwirren so viele andere Männer um sie herum – kein Wunder in der Mathevorlesung.
Philipp findet keine Gelegenheit, sie mal anzusprechen. Keine.
Bis zu jenem Tag, an dem die Vorlesung ausfällt, weil der Dozent mit der Bundesbahn auf irgendeinem Kleinstadtbahnhof gestrandet ist.
Eine Weile stehen alle herum, dann verteilt sich die Menge der Studenten. Das Gros zieht ab Richtung Straßenbahnhaltestelle, einige Richtung Mensa.
Alexandra setzt sich an einen der Tische im Foyer.
Philipp setzt sich gegenüber, lächelt ihr vorsichtig zu.
Alexandra kramt in ihrer Tasche, holt ein Taschenschachspiel hervor und ein Buch.
Dann beginnt sie sorgfältig, die Figuren aufzustellen.
Philipp freut sich.
Schach kann jeder. Schach ist immerhin ein Anknüpfungspunkt. Und immerhin hat er damals gegen seinen Opa ein paar Mal gewonnen.
„Sollen wir eine Partie spielen?“, fragt er eifrig.
Alexandras Blick ist schwer zu deuten, als sie meint: „Ich spiele aber häufiger …“
„Ich auch“, versichert Philipp. Hat er nicht gerade vor drei oder vier Wochen seinem kleinen Neffen den Gefallen getan und mit ihm Schach gespielt?
Philipp ist ein bisschen aufgeregt, aber nicht sehr. Soll er sie gewinnen lassen, wie den kleinen Neffen? Ach nein, vielleicht besser nicht … zu verlieren ist nicht wirklich cool.
Alexandra schiebt das Brett in die Mitte, die weißen Figuren zu Philipp hin. Schnell kontrolliert er nach, dass alles richtig steht. Die Dame muss immer auf D, das kann man sich gut merken.
„Weiß beginnt“, stellt Philipp fest, damit Alexandra auch weiß, dass er Ahnung hat. Dann überlegt er kurz. Sein Opa hat immer den Bauern vor der Dame vorgezogen. Das ist langweilig. Philipp wird etwas anderes, etwas Originelleres tun.
Kurzentschlossen spielt er g2-g4.
Er lehnt sich zurück und sieht Alexandra erwartungsvoll an.
Die sitzt leicht vornübergebeugt, die Hände auf dem Schoß, den Blick auf dem Schachbrett, überlegt nur kurz und setzt dann d7-d5.
Es ist gut, dass Philipp sich gut mit Schach auskennt, daher weiß er, dass er jetzt dran ist, obwohl Alexandra überhaupt nichts sagt.
Irgendwie hat sie nicht so gezogen, wie Philipp das jetzt gedacht hätte, aber das ist eigentlich egal. Seinen Plan kann er trotzdem durchführen.
Schnell spielt er den Läufer: Lf1-h3.
Alexandra sagt wieder nichts, sieht Philipp auch nicht an, sieht auf das Spielbrett, hebt jetzt erst die Hand und spielt Sb8-c6.
Aha. Philipp lächelt zufrieden. Sie macht ihm die schräge Reihe nach. Die ist auch praktisch, weil die Figuren sich gegenseitig decken können.
Philipp hat einen Plan. Er will nämlich einen Trick anwenden, den er kennt. Und dafür muss er Platz machen. Der Springer ist noch im Weg. Also spielt Philipp Sg1-f3. Gleich geht es los.
Wieder denkt Alexandra nach. Kurz nur. Sie hat nicht gesehen, was für einen genialen Plan Philipp hat. Dann spielt sie den Springer: Sg8-f6.
Und jetzt kommt der Trick, auf den sich Philipp schon die ganze Zeit über freut: die Rochade. Da wird Alexandra Augen machen!
Sorgfältig zieht Philipp seine Figuren: 0-0
Dann sieht er Alexandra erwartungsvoll an.
Die runzelt nur ganz leicht die Stirn. Wie hübsch sie ist! Sie zieht einen Bauern vor, und zum ersten Mal während des Spiels sieht sie Philipp an. Ganz kurz nur, mit einem kleinen Lächeln, das ihr wunderbar steht. E7-e5 zieht sie. Philipp nickt.
Sie will ihn bedrohen, aber dagegen kann man ja etwas tun. Er wird sie auch bedrohen. G4-g5.
Wieder denkt Alexandra kurz nach, hebt die Hand und zieht. Und das darf doch nicht wahr sein! Sie schlägt einfach seinen Läufer – obwohl ihr Springer bedroht ist! Das tut man nicht, das weiß Philipp von seinem Opa. Lc8-h3 zieht Alexandra, und Philipps Läufer ist futsch.
Da gibt es nicht viel zu überlegen. Das hat sie jetzt davon. Dann nimmt er eben ihren Springer. G5xf6. Zufrieden legt Philipp den Springer beiseite.
Jetzt ist Alexandra wieder an der Reihe. Sie sieht nicht sehr schockiert aus. Wahrscheinlich weiß sie nicht, dass eine Figur wertvoll ist. Sie denkt noch nicht einmal lange nach. Sie schlägt einfach Philipps Bauern. Dd8-f6. So ist das.
Philipp ist frustriert.
Er braucht etwas Zeit zum Nachdenken, wirklich. Deshalb setzt er erst einmal Tf1-e1. Damit kann man ja wohl nichts falsch machen.
Aber viel Zeit gewinnt er nicht. Alexandra zieht die Dame. Df6-g6.
Jetzt steht Philipps König im Schach. Was soll er denn jetzt machen? Etwas richtig Gutes fällt ihm eigentlich nicht ein. Schnell zieht er Kg1-h1. Aber er ahnt schon, was jetzt kommt.
Und er behält recht. Ohne zu zögern zieht Alexandra Dg6-g2++
Schachmatt.
Da hat er sich ja schön blamiert. Und überhaupt ist Schach eigentlich blöd …
Philipp wagt es gar nicht, Alexandra anzusehen.
„Gegen wen spielst du denn sonst so?“, erkundigt sich Alexandra beiläufig, während sie die Schachfiguren einräumt.
„Gegen meinen Neffen“, murmelt Philipp. „Und früher gegen meinen Opa. Und du?“
„Ich trainiere bei uns die Jugendmannschaft.“ Alexandra lacht. Sie hat Grübchen in der Wange, wenn sie lacht. „Sag mal – bist du nicht dieser Freak, was Algebra angeht?“
Philipp zögert. Er ist mit der beste im Algebraseminar. Aber Freak?
Alexandra grinst und meint: „Wir können einen Deal machen. Du hilfst mir, mich für die Algebraklausur vorzubereiten und ich bringe dir Schachspielen bei. Deal?“ Sie sieht ihn von der Seite an und ergänzt: „Schach macht nämlich Spaß.“
Mit einem Mal muss Philipp lachen. Bestimmt macht Schach wirklich Spaß. Wenn man es kann.
Er schlägt ein und hält Alexandras Hand fest. „Deal!“

Verfasser: Inken Weiand, Bad Münstereifel