6. Gefühlter Sieg und doch verloren

Nachbarn sind im Turnier:
Erstes Brett: Weißhaupt gegen Schwarzhaupt und
Zweites Brett: Weißbart gegen Schwarzbart

Tretet an den Tisch
Auf dem sind aufgestellt
Die Figuren für das Spiel.
Hier am Brett müßt ihr beweisen
Wer strategische Lagen
Taktisch gut umsetzt.

Eine Schlacht wird heute geschlagen,
Seid ihr Spieler dazu bereit.
Gelost wurde schon
Wer mit welcher Farbe führt,
Die Figuren auf dem Brett.
Der Spieler der mit Weiß hier spielt
Eröffnet die Partie mit dem ersten Zug.

Schwungvoll eröffnet, mit weiß, Weißhaupt den Kampf
Mit dem Doppelschritt des Damenbauern nach e4.
Antwort gibt Schwarzhaupt mit dem Bauernzug c5
Und deutet an, daß er Sizilianisch spielen will.
Am zweiten Brett zieht Weißbart
Den Königsbauer nach d4.
Mit seinem Bauer hält Schwarzbart auf d5 dagegen.
Und lenkt in ein Damenbauernspiel ein.

Die Springer wurden bereit gestellt
Um zur Attacke anzureiten.
Weißhaupt ließ noch leichte Truppen aufmarschieren
Und brachte auf g5
Seinen schwarzfeldrigen Läufer in Stellung.
Er sollte den Springerangriff unterstützen.

„Das wird reichen“, so dachte Weißhaupt,
„Den Schwarzen einzuengen.
In dem gewonnen Raum
Reitet der Springer zur Attacke.
Und der schwarzfeldrige Läufer
Muß den nötigen Druck ausüben.“

Am anderen Brett, so dachte Schwarzbart,
„Das Beste ist Ich sichere die Mitte
Und schaffe Raum für den schwarzen Läufer.
Leider muß die Freiheit des weißfeldrigen Läufers
Stark eingeschränkt bleiben.“

„Was du kannst kann ich auch“,
So dachte Weißbart und zog nach.
So sicherte er seinen zentralen Bauern
Und öffnete dem weißfeldrigen Läufer
Eine lange Diagonale.

Derweil hatte Schwarzhaupt am ersten Brett rochiert
Seine gedrückte Stellung dabei
Aber nicht wesentlich verbessert.
Die Fesselung des Springers
Hob er damit nicht auf.

„Will Schwarzhaupt die Fesselung aufheben
Dann muß die Dame“, so überlegte Weißhaupt,
„Ihr angestammtes Feld verlassen.
Das sind für mich gute Aussichten!“

Schwarzhaupt nun seinerseits
Fand den schwarzfeldrigen Läufer
Seines Gegners auf g5 lästig
Und griff ihn mit dem h-Bauer an.

Den Läufer zog Weißhaupt zurück
Ohne den Druck zu lockern.
Auf h4 hielt er weiterhin
Die Diagonale besetzt.

„Da muß doch etwas zu machen sein“,
So dachte Weißhaupt
Und brachte auf c7 seinen Springer
In eine Angriffsposition auf Schwarzhaupts Dame.

Nun offenbarte sich das Dilemma
In das Schwarzhaupt sich selber hineinmanövriert hatte,
Denn Weißhaupt griff mit seinem Springer
Schwarzhaupts Dame an,
Und die konnte nicht mehr zurück.

Eine lange Zeit des Überlegens schloß sich an
Bis Schwarzhaupt eine Lösung gefunden hatte
Um noch aus der vermaledeiten Lage
Mit Gewinn herauszukommen.

Am anderen Brett hatte Schwarzbart einen Entschluß gefaßt
Und seinen schwarzfeldrigen Läufer ins Spiel gebracht.
Daraufhin zog Weißbart den seinigen zurück
Mit der Absicht ihn schlagen zu lassen.
„Wenn du ihn schlägst“, so dachte Weißbart,
„Dann öffnet sich mir die h-Linie
Für den Einbruch mit Turm und Dame.“

So kam es auch:
Die Läufer wurden getauscht
Und bald darauf rochierte Schwarzbart
Zum Damenflügel hin.
Nun ist das Angriffsziel für Weißbart erkennbar.
Sofort begann er mit dem Angriff
Und eröffnete ihn mit dem Bauernsturm.

Schwarzhaupt setzte seinen Plan in die Tat um
Und beseitigte den schwarzfeldrigen Läufer
Der auf h4 postiert war
Und brachte seinen Springer
In eine für Weißhaupt nachteilige Stellung.

Weißhaupt seinerseits schlug die schwarze Dame
Und Schwarzhaupt antwortete seinem Plan gemäß
Mit einem Springerschach das Folgen hatte,
Denn mit diesen Schach verschwand
Der die Königsstellung verteidigende Springer.

„Nun habe ich die Dame
Der Sieg ist mir nicht mehr zu nehmen“,
So jubelte Weißhaupt innerlich.
„Nun ihr Figuren vorwärts zum Sieg!“

Der zweite schwarze Springer
Der die schwarze Dame vom Brett genommen
Spielte in der Folge keine Rolle mehr,
Denn auch diese Figur verschwand vom Brett.

Der gefühlte Sieg steckte an
Den Nachbarn am Nebentisch.
Dort geschah das Gleiche
Wie ein gefühlter Sieg alsbald
In das Gegenteil umschlug.

Weißbart setzte seine Bauern in Bewegung
Auf dem Damenflügel marschierten sie
Die Bauern a und b.
Nach einem kurzen Geplänkel
Wurden die starken Figuren
In Stellung gebracht.

Mit der Reiterei begann der Endkampf
In dem der verbliebene Läufer eingriff.
Sie zwangen Schwarzbart die Verteidigung zu öffnen,
Um für die angreifenden Türme und die Dame
Den Widerstand gering zu halten.

Schwarzbart wehrte sich
Und sieht das drohende Ende
Schon vor seinem geistigen Auge stehen,
Als Weißbart im Geiste schon den Sieg
Für sich verinnern will.

Da geschieht das unfaßbare
Anstatt den Mattangriff fortzusetzen
Verschenkte Weißbart
Das wichtigste Tempo im Spiel.

Wer die Wahl hat
Hat auch die Qual.
Weißbart mußte die Dame stehenlassen.
Er mußte erst Schwarzbarts Turm schlagen.

„Tue ich‘s nicht tut er das“, so dachte er.
„Schwarzbart wird nicht zögern
Das mit seinem Turm zu tun.
Und damit wird er gleichzeitig Schach bieten.
Der König muß in die h-Linie ausweichen,
Dem das Damenmatt auf h8 folgt.“

Mit einer Springerattacke
Nimmt Schwarzbart die weiße Dame vom Feld.
Gegen die schwarze Dame hatte der verbliebene Turm
Keine Chance mehr auf den Gewinn.
Die Mehrzahl der Bauern
Wären alsbald der Dame und dem Springer
Zum Opfer gefallen.
So gab Weißbart den Kampf auf.

Beide Spieler Weißhaupt und Schwarzhaupt
Betrachteten nun ihre Stellung.
Weiß hatte eine offene Stellung
Die von Anbeginn auf Angriff angelegt war.
Die Dame hatte Schwarzhaupt verloren
Zwei Leichtfiguren hatte er dafür bekommen
Und eine, für die Verteidigung, geschlossene Stellung
Hatte er nun auf dem Brett.

Weißhaupt hatte den schachbietenden Springer
Mit der Dame vom Brett genommen
Und gleichzeitig die Dame
Die für den Angriff bereitstand
Aus diesem genommen.

Schwarzhaupt begann nun seine Verteidigung
Verbunden mit Angriffsdrohungen
In die Tat umzusetzen.
Der Schlüssel dazu
War der verbliebene Springer
Der für Unruhe sorgte
Bis er das Feld d4 einnahm

Und nur noch durch das Opfer einer schweren Figur
Von dort vertrieben werden konnte.

Im Schutze dieses Springers
Brachte Schwarzhaupt beide Türme und beide Läufer
In eine Angriffsstellung
Auf die weiße Königsbastion.

Weiß hatte keine Möglichkeit mehr
Seine Türme und die Dame
In eine aussichtsreiche Stellung zu bringen.
Der Springer auf d4
Machte die Besitznahme
Der offenen Linie unmöglich.

So versuchte Weißhaupt
Mit einem Bauernangriff
Auf dem Königsflügel
Raum für seine schweren Figuren zu gewinnen,
Was nicht gelang
Aber die weiße Königsstellung öffnete.

Schwarzhaupt hatte die offene c-Linie mit den Türmen besetzt
Und beide Läufer konnten über die Diagonalen
In die weiße Stellung eindringen.

Türme und Dame von Weißhaupt
Waren mit der Verteidigung des Königs überfordert
Und es drohte der Verlust dieser Figuren.
Das mehr an Figuren und deren Beweglichkeit
Brachte Schwarzhaupt den Sieg.

Schlussdiagramm: Weiß: Weißhaupt und Schwarz: Schwarzhaupt
Schwarzhaupt war am Zug, als Weißhaupt aufgab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schlussdiagramm: Weiß: Weißbart und Schwarz: Schwarzbart
Schwarzbart am Zug: Springer schlägt die Dame und Weißbart gab auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasser: Wolfgang Schroedter, Kiel