9. Spielen Außerirdische Schach?

Einmal im Monat kamen sie zusammen, die beiden Freunde. Sie spielten ein paar Schachpartien, tranken Wein und redeten über philosophische und andere interessante Themen. Natürlich könnte man sie als alte Freunde bezeichnen, aber lag das mehr an ihrem Alter oder an den Jahren ihrer Freundschaft? Irgendwann hatten sie sich vom aktiven Spiel zurückgezogen, aber schon im Schachklub wussten sie, dass sie nicht die Verbindung zueinander verlieren wollten. Also einigten sie sich auf den Schachabend. Einmal wöchentlich? Einmal monatlich? Es sollte nach Vereinbarung werden, aber die Routine hatte sich auf einmal im Monat festgelegt, gewöhnlich am letzten Mittwoch. An diesem Punkt waren die Schachzeitschriften angekommen, und man konnte über die Themen darin reden.
„AlphaZero“, begann Heinz nach drei Schnellschachpartien, „hat ja gerade diese andere Top-Engine geschlagen. Der Autor hier meint, selbst bei relativ gleichen Bedingungen wären die beiden Engines gleichauf gewesen. Und das nach nur vier Stunden Training gegen sich selbst!“
„Dein Problem“, fiel Karl ins Wort, „ist, dass Du immer gegen mich spielst. Spiel alleine und der Weltmeistertitel ist nahe!“
„Jaja, sehr lustig. Nein, Weltmeister werden wir beide nicht mehr, aber ich verstehe nicht, wie das geht. Wie kann man denn nur gegen sich selbst spielen und damit stärker werden als alle anderen? Das ist ja schon außerirdisch.“
„Ach, Außerirdische spielen Schach?“
„Karl, Du kennst meine Professur.“
„Ach, der Herr Anthropologe will mir jetzt die Menschheitsgeschichte erklären!“
Heinz stellte sorgfältig die Grundstellung wieder auf, dann nahm er Turm und Läufer beiseite.
„Nicht die Menschheitsgeschichte, sondern die Entwicklungsgeschichte von Außerirdischen.“
Karl lachte: „Außerirdische. Du wurdest wohl von welchen entführt?“
Heinz ging nicht darauf ein: „Nehmen wir doch einmal die Bewegungsmuster der Schachfiguren.“
„‚Die Bewegungsmuster‘. Na, Hauptsache, es klingt hochgestochen. Jetzt stell die Figuren wieder hin, ich will spielen.“
Ohne der Forderung nachzukommen, sprach Heinz mit bereits etwas ärgerlicher Stimme: „Dann eben für Dich, die Zugart der Figuren. Zufrieden? Jedenfalls zieht der Turm nur gerade und der Läufer nur schräg, richtig?“
Karl mockte: „Ach, hat der Herr Außerirdische jetzt verlernt, wie man spielt?“
„Nun werd nicht frech! Lass mich doch mal erklären! Also, das sind einfache geometrische Strukturen, oder für Dich ‚Linien‘, auf denen sich Turm und Läufer bewegen.“
„Ja, ich bin ja dumm“, fiel Karl ein.
„Na, was hast Du heute für eine Laune?“ wirkte Heinz schon etwas besorgt, fuhr dann aber fort: „Jedenfalls zieht die Dame wie Turm und Läufer kombiniert. Das ist also auch noch einfache Geometrie. Der Springer“, dabei hob Heinz den Sg1 hoch, „zieht auf die nächsten Felder, die die Dame nicht erreichen kann. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass eine solche Figur auch leicht zu erfinden ist.“
„Das ist doch nicht Dein Ernst!“ Karl konnte es fast nicht glauben. „Du redest vom Erfinden? Du meinst tatsächlich, dass Außerirdische das Schachspiel erfinden könnten?“
„Das versuche ich doch schon die ganze Zeit, zu sagen! Nehmen wir nun den König. Der ist ja das Mattziel, zieht nur ein Feld in jede Richtung. Nun kann es natürlich sein, dass er nur ein Feld gerade zieht, oder vielleicht schräg, aber letztlich ist so eine ähnliche Figur auch noch ausdenkbar.“
„Nur der Bauer nicht mit seinem en-passant-Schlag im Vorübergehen.“
„Aber ‚en passant‘ heißt doch schon ‚im Vorübergehen'“, wandte Heinz ein und führte weiter aus: „Jedenfalls können wir sagen, dass vier oder fünf Schachfiguren relativ leicht zu erfinden sind, weil sie auf geometrischen Standardmotiven beruhen. Eine Gerade, eine Schräge, kombiniert oder allein.“
„Na, das will mir jetzt doch einleuchten. Aber was ist, wenn der Springer mehrfach hintereinander ziehen kann, nicht nur einmal wie bei uns?“
„Dann haben wir eine sogenannte Märchenfigur, also eine Schachfigur, die hauptsächlich in Schachvarianten und im Problemschach verwendet wird.“
„Also bei Aufgaben, die sich irgendjemand ausdenkt und die dann in der Zeitung in der Samstagsspalte erscheinen.“
„Na, die mit den Märchenfiguren kommen eher weniger in der Zeitung vor, aber sonst hast Du recht. Die sind dann eher in den Fachzeitschriften der Problemschachleute, oder wie sie sich gerne nennen, der Schachkomponisten. Das klingt dann ein wenig wie Musik.“
„Nur dass Schach und Musik nicht viel gemeinsam haben.“
„Na, da habe ich sogar ein kleines Rätsel für Dich. Ich mag jetzt nicht nochmal aufbauen, also stell Dir bitte mal die Stellung im Kopf vor: weißer König auf b1, weiße Türme auf a6 und c8, schwarzer König auf h5. Weiß setzt in zwei Zügen matt.“
„Das ist doch einfach. Willst Du mich vera…“
„Moment, ich war noch nicht fertig“, brach Heinz Karl mitten im Wort ab. „Warum kann die Aufgabe nur so stehen und nicht gespiegelt, das heißt etwa Königs- und Damenflügel vertauscht oder ‚oben‘ und ‚unten‘ vertauscht?“
„Du meinst die erste bis vierte mit der fünften bis achten Reihe ausgetauscht? Woher soll ich das wissen?“
„Nun, die Aufgabe hat sich ein Werner Keym ausgedacht, der auch ein großer Musikliebhaber ist. Schau doch nochmal die Felder genau an. Was siehst Du?“
Karl kam die Erleuchtung: „Die Felder b1, a6, c8, h5. Moment, das ist ‚bach‘. Bach. Wenn Du schon Musik sagst, dann ist das bestimmt der Komponist Bach? Johann Sebastian Bach?“
„Jetzt hast Du schon die halbe Lösung. Schau nochmal hin. Ich weiß, dass Du Dich auch in der Musikgeschichte auskennst!“
„Ah, das ist der Tipp! Es geht um die Felder und die Musikgeschichte. Bach… 1685. Nein, das kann nicht sein! Das ist doch das Geburtsjahr von Bach! 1685! Natürlich! Wenn wir jetzt irgendwas vertauschen, ist das Matt in zwei weiterhin da, aber Bach oder das Jahr nicht mehr.“

BACH-Aufgabe

„Genau, also kann man Schach und Musik auch miteinander verbinden.“
„Ja, Du bist gut! Da fällt mir ein, da gab es doch mal so eine Musik-CD.“
„Von Bach gibt es viele.“
„Nein, da waren auch Schachlieder drauf. Die hatte mal die Deutsche Schachjugend aufgenommen.“
„So kann man natürlich auch Schach und Musik verbinden. Aber ich wollte Dir eigentlich noch erzählen, wie die Außerirdischen Schach spielen.“
„Ja, erzähl weiter, jetzt bin ich gespannt. Aber sag mir noch, warum die Schach spielen.“
„Nun, stell Dir vor, das sind intelligente Wesen wie Du und ich…“
„Außer in der Partie vorhin.“
„Ach, sei still, Nörgelkarl. Jedenfalls sind das intelligente Wesen, die die gleichen Grundbedürfnisse wie wir Menschen haben. Davon gehen wir jetzt mal aus. Nun wissen wir nicht viel über die Anatomie, also lassen wir mal die grundsätzlichsten Bedürfnisse weg.“
„Du meinst Essen, Trinken, Sexualität, Schlaf, Schmerzfreiheit.“
„Wie gesagt, wir kennen die Anatomie nicht, aber es sind intelligente Wesen, die nun das tun, was intelligente Wesen tun. Aber sie haben nicht immer was zu tun, das heißt, es gibt Pausen, die ungenutzt sind, wo sie sich langweilen. Also brauchen sie eine Beschäftigung, einen Zeitvertreib. Deshalb erfinden sie Spiele.“
„Computerspiele?“
„Nein, so weit entwickelt sind die Außerirdischen zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber sie haben die Euklid’sche Geometrie verstanden.“
„Moment“, wirft Karl ein, „wieso heißt bei denen ein Mathematiker Euklid?“
„Ich benutze natürlich unsere Worte. Bei den Außerirdischen heißt das dann anders.“
„Also ist Thomas Anders Mathematiker? Ich dachte, der singt.“
„Jetzt lass mich doch in Ruhe!“
Karl lacht. „Ich hab zuviel Spaß. Na gut, ich will nicht mehr unterbrechen.“
„Also.“
„Oder doch, aber nur noch einmal.“
„Gut, nun darf ich wieder?“
„Klar, aber erst nach dieser Unterbre…“
„Jedenfalls“, lässt Heinz Karl nicht mehr ausreden, „haben die Außerirdischen schon geometrische Grundlagen verstanden und erfinden nun verschiedene Rätsel und Spiele. Und irgendeiner kommt dann bestimmt auch auf die Idee, mit diesen Grundlagen ein Spiel zu erfinden. Dann braucht er aber ein Spielziel, also nimmt er eine schwache Figur, die gefangen wird. Und da sind wir, wo wir vorhin aufgehört haben. Wir haben nun Läufer, Turm, König, vielleicht auch Dame und Springer. Jedenfalls haben wir eine Art von Schachspiel.“
„Du spinnst doch. Außerirdische, die Schach spielen. Sowas gibt es doch nicht! Na gut, es wird schon etwas spät, ich muss nun nach Hause. Meine Frau wartet bestimmt bereits auf mich. Du weißt ja, wenn es später als zehn wird, macht sie sich Sorgen. Ich ruf sie schnell noch an, dann gehe ich. Vielleicht können wir nächsten Monat mehr über Deine Idee reden.“
Karl stand auf und zog seinen Mantel an, während Heinz bereits für ihn die Telefonnummer wählte.

„Scurmo, was schaust Du in den Himmel?“
Die beiden Monde leuchteten auch tagsüber durch den purpurnen Himmel, als Scurmo sein Spielfeld in den Sand malte und die grob geschnitzten Steinfiguren auf das acht mal acht Felder große Spielfeld aufstellte. Er hatte noch Ideen für sein Spiel, so war noch nicht die Frage geklärt, wie er den vorne stehenden Speerträgern erlauben konnte, zwei Felder vom Startfeld aus zu ziehen, ohne dass sie so an gegnerischen Speerträgern vorbeischleichen konnten. Vielleicht konnte er eine besondere Schlagregel erfinden. Dann drehte er sich zu Kuros um und strich sich über seine silberne Stirn.
„Ach, weißt Du, manchmal frage ich mich, ob es jenseits des Himmels noch etwas gibt? Vielleicht ist das wie mit den Inseln, dass wir nur hoch genug hüpfen müssen und dann können wir zu anderen Inseln hüpfen, zu anderen Welten, und vielleicht sind da auch schon irgendwelche Wesen, die so etwas spielen.“
„Du meinst, es gibt andere Welten? Und da gibt es dann auch so etwas wie Dein Häuptlingsspiel? Du denkst wirklich zu viel nach. Nun lass uns beginnen.“
Scurmo bewegte seinen Froschkrieger auf das zwei Reihen weiterliegende Feld zwischen der Geraden und Schrägen über die Speerträger, sah noch ein wenig in den Himmel, dann verwarf er den Gedanken wieder. Selbst falls es noch mehr jenseits des Himmels gab: So ein Spiel wie seines musste auf allen Himmelsinseln einzigartig sein!

Verfasser: Siegfried Hornecker, Güstrow

(Verwendung der BACH-Aufgabe mit freundlicher Genehmigung von Werner Keym, entnommen aus seinem Buch „Eigenartige Schachprobleme“ 2010. Originalforderung: „Matt in zwei Zügen. Warum wären Spiegelungen der Stellung musikgeschichtlich inkorrekt?“)