10. Das schwache starke Feld

Ein König kümmert sich stets um seine Figuren – die acht Bauern an der Front, seine Türme und Springer und Läufer und um seine Dame natürlich ganz besonders. Doch, wie der schwarze König in einer ganz besonderen Partie lernte, es sind nicht nur die Figuren, die seine Fürsorge in Anspruch nehmen.
In dieser Partie entschied sich Schwarz für die skandinavische Eröffnung, doch leider drehte sie sich schon nach den ersten Zügen in die falsche Richtung. Die Mannschaft um den schwarzen König hatte nichts an Material verloren, nein, es war die Platzfrage, die den Figuren zu schaffen machte – sie hatten kaum Felder, auf denen sie sich hätten tummeln können. Und wie es auch bei den Menschen ist: Zu viele Figuren in einem zu kleinen Raum mit verschlossener Tür, das bedeutet auf Dauer ziemlich dicke Luft. Auch der König wusste darum und befahl dem C-Bauern, einen Schritt nach vorn auf das Feld c6 zu marschieren, um die Tür der schwarzen Stellung einen Spaltbreit zu öffnen.

Nach 15. Ld2

„Das gefällt mir nicht“, flüsterte das Feld d6 zu dem Läufer, der es sich auf ihm bequem gemacht hatte.
„Warum denn?“, fragte dieser.
„Da ist kein C-Bauer mehr, der mich decken kann, kein E-Bauer mehr, der mich decken kann. Wer soll mich denn jetzt beschützen?“
„Ach, da passiert schon nichts“, winkte der Läufer ab. „Unser König weiß, was er tut.“ Just in diesem Moment platzierte sich ein weißer Springer auf e4 und schielte gefährlich grinsend zu ihnen hinüber.
„Hoppla, der greift mich an.“ Gelassen drehte sich der Läufer um – irgendwer würde ihm schon helfen. Aber sehr bald bemerkte er, dass er diesmal nicht auf die anderen Figuren bauen konnte und mit plötzlich nervöser Stimme rief er zum König hinüber: „Ich hänge – hallo, König, ich hänge!“
„Mach doch nicht so ein Theater!“, antwortete der König. „Geh nach e7!“ Das tat der Läufer und als Weiß am Zuge war und überlegte, entspannte er sich wieder.
„Siehst du“, sagte er zu d6, „der König weiß, was er tut! Jetzt kann ich dich beschützen.“
„Mal sehen, wie lange“, gab das Feld zurück – der Springer auf e4 hatte bestimmt kein Interesse daran, sich einfach wieder zu verziehen. „Außerdem bist du auf e7 auch bloß nicht gedeckt.“
Und es hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da rannte der weiße Läufer nach b4.
„Was jetzt?“, fragte d6. Der Läufer schwieg – er wusste genauso gut wie d6, dass er keine Wahl mehr hatte.
„Läufer schlägt b4!“, verkündete der König feierlich. Die schwarze Majestät schien den Ernst der Lage nicht allzu ernst zu nehmen.
„Dann mache ich mich mal auf den Weg“, verabschiedete sich der Läufer und ließ das Feld allein. Jetzt hatte d6 keine großen Bedenken mehr, jetzt hatte es richtig Angst.
Natürlich schlug die weiße Dame den Läufer. Er hatte d6 zwar ein bisschen genervt, aber jetzt wünschte es sich, er wäre noch da. Nachdem sich der schwarze König für Springer hf6 entschieden hatte, passierte es: Der Springer, eine gegnerische, feindliche Figur, stellte sich auf das Feld d6.
Und da stand er – und stand, wie er stand. Und die gegnerische, feindliche Figur verwandelte sich plötzlich in ein nicht halb so gefährliches weißes Pferdchen.
„Tagchen“, begrüßte es das Feld d6.
„Mit Weißen rede ich nicht“, gab d6 patzig zurück.
„Wieso nicht?“, fragte der Springer und schien wahrhaftig etwas erstaunt. „Ich bin gekommen, um dich zum wichtigsten Feld der Partie zu machen!“
„Ich? Wichtig? Wenn ich wichtig wäre, wäre ich wenigstens von einer schwarzen Figur gedeckt.“
„Ach, lass die Schwarzen links liegen – Wer will schon ein schwaches Feld sein? Komm auf unsere Seite!“
„Du spinnst wohl! Ich bin doch kein Verräter!“
„Ach, Verräter. Wer ist denn hier verraten? Wer wurde vom König schutzlos alleingelassen?“ D6 suchte nach einer schlagfertigen Antwort, grübelte angestrengt vor sich hin und fand doch nichts Brauchbares.
„Starkes Feld und weißer Held – oder schwaches Feld, das Schwarz in den Ruin treibt? Du hast die Wahl!“
„Unsinn!“
„Quatsch!“
„Sag ich doch!“ Diese Unterhaltung – wenn man sie denn als solche bezeichnen konnte – war zwar nicht gerade konstruktiv, aber irgendetwas musste d6 ja entgegensetzen.
„Weißt du was“, erwiderte der Springer nach einer Weile, „mir kann deine Entscheidung eigentlich egal sein. Ich stehe hier – ob dir das gefällt oder nicht – die Dame unterstützt mich, bald kommt noch mein Kumpel, der C-Bauer, hinterher. Ich dachte, wir könnten sowas wie… Arbeitskollegen auf freundschaftlicher Basis sein – die ganze Mannschaft hinter uns. Aber wenn du das für Unsinn hältst…“
Wäre d6 kein Feld von schwarzer Farbe gewesen, wäre es jetzt rot angelaufen. Vor Aufregung. Na gut, und vor Verlegenheit. „He, jetzt sei doch nicht eingeschnappt!“, versuchte es, den Springer zu beschwichtigen. „Vielleicht hast du ja ein bisschen Recht“.
In dieser Zeit hatte sich auf dem Schachbrett einiges getan: Die schwarze Dame hatte es nach c7 verschlagen, die weiße Dame war vom schwarzen B-Bauern nach a3 vertrieben worden und ein weißer Turm stand auf d1 bereit.

Nach 21. Da3

„Springer nach b6!“, hörte d6 den schwarzen König rufen.
„Der will nach c8“, stellte der Springer fest, „um mich aus dem Weg zu schaffen.“
„Und sich anschließend mit einem Freibauern rumzuschlagen?“
„Immer noch besser, als sich mit mir rumzuschlagen!“
„Angeber.“ Der Springer sparte es sich, den Kommentar zu kommentieren. „Was ist nun mit dir?“, fragte er stattdessen, während sich der weiße Turm auf den Weg nach d3 machte.
„Ich denke“, begann es vorsichtig, „ich denke, dass ich vielleicht doch einmal an mich denken sollte.“
„Also bist du jetzt bei uns?“
„Naja, das oberste Recht eines jeden Feldes ist sein eigenes Wohlbefinden.“
„Willkommen auf unserer Seite!“
Jetzt war es tatsächlich passiert – plötzlich löste sich dieses drückende Schwächegefühl, die Dame und der Springer schienen d6 nur so mit Energie zu betanken, mit weißer Energie, Energie eines starken Feldes!
Als der schwarze Springer nach c8 zog, kam der C-Bauer, um den Seitenwechsel mitzufeiern, nach c5.
„Hallo!“, rief er munter. „Ich habe gehört, ihr braucht noch Unterstützung – hier bin ich.“
„Danke, Kumpel“, wandte sich der Springer an ihn. „Du machst dein Ding, wenn ich nicht mehr da bin, verstanden?“
Der Springer war angegriffen. Sein neuer Kollege konnte jeden Moment geschlagen werden! D6 hätte vor der Partie niemals gedacht, dass es sich einmal um eine weiße Figur sorgen würde.
„Springer“, befahl der König – d6 hielt die Luft an, „nach d5!“
Auch in den nächsten Zügen hatte Schwarz nicht das Bedürfnis, den weißen Springer aus dem Weg zu räumen – ganz im Gegenteil! Im 25. Zug – der C-Bauer hatte genau mitgezählt –wies der König dem schwarzen Springer das Feld e7 zu. Dem Springer war seine Erleichterung anzumerken. Er machte es sich auf d6 sichtlich gemütlich – und ohne weiter etwas zu tun, mischte er die gesamte schwarze Stellung auf! Er und der C-Bauer hatten auch genug getan – nun ließen sie die Dame und die beiden Türme ran. Zusammen mit dem H-Bauern hatten sie eine schwere Aufgabe vor sich – aber aus diesem Grund waren sie ja die weißen Schwerfiguren. Mit jedem Zug wurde die Luft des schwarzen Königs knapper. D6 bewunderte, wie die weißen Figuren zusammenspielten, während ihre Gegner mit nichts als Abwehr beschäftigt waren.
„Ich war einfach zu stark“, merkte der Springer an. „Der König hätte mich schlagen lassen sollen.“
„Der König hätte mich nicht allein lassen dürfen!“, fügte d6 hinzu.
„Der König hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass ich mit meinem Bruder einfach das Zentrum beschlagnahme!“, sagte der C-Bauer bestimmt.

Nach 30. … g6

Der König hätte in dieser Partie wohl Vieles nicht zulassen dürfen – er hätte auch das Matt im 34. Zug verhindern können, aber – und die weiße Mannschaft konnte es verstehen – er wollte nicht länger vorgeführt werden. Er wollte sich einfach nur in die hinterste Ecke der Figurenschachtel verkriechen. Bis zur nächsten Partie. Und dann würde er auf jede seiner Figuren und jedes seiner Felder gut aufpassen – auch auf d6.

Verfasser: Tina Neumann, Meuselwitz

Die Geschichte beruht auf der Partie Jonny Hector (Weiß) – Jens Ove Fries Nielsen (Schwarz) aus dem Jahr 2012:
1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sf3 Sf6 4. d4 Lg4 5. Le2 e6 6. O-O Le7 7. h3 Lh5 8. c4 Dd8 9. Db3 Dc8 10. Sc3 O-O 11. Lf4 Sbd7 12. Tfe1 Ld6 13. Se5 Lxe2 14. Txe2 Sh5 15. Ld2 c6 16. Se4 Le7 17. Lb4 Lxb4 18. Dxb4 Shf6 19. Sd6 Dc7 20. Td1 a5 21. Da3 Sb6 22. Td3 Sc8 23. c5 Sd5 24. Tb3 Ta7 25. Tg3 Sce7 26. Df3 Sg6 27. h4 Taa8 28. h5 Sxe5 29. Txe5 De7 30. Teg5 g6 31. hxg6 fxg6 32. Txg6+ hxg6 33. Txg6+ Kh7 34. Dh5#

9. Spielen Außerirdische Schach?

Einmal im Monat kamen sie zusammen, die beiden Freunde. Sie spielten ein paar Schachpartien, tranken Wein und redeten über philosophische und andere interessante Themen. Natürlich könnte man sie als alte Freunde bezeichnen, aber lag das mehr an ihrem Alter oder an den Jahren ihrer Freundschaft? Irgendwann hatten sie sich vom aktiven Spiel zurückgezogen, aber schon im Schachklub wussten sie, dass sie nicht die Verbindung zueinander verlieren wollten. Also einigten sie sich auf den Schachabend. Einmal wöchentlich? Einmal monatlich? Es sollte nach Vereinbarung werden, aber die Routine hatte sich auf einmal im Monat festgelegt, gewöhnlich am letzten Mittwoch. An diesem Punkt waren die Schachzeitschriften angekommen, und man konnte über die Themen darin reden.
„AlphaZero“, begann Heinz nach drei Schnellschachpartien, „hat ja gerade diese andere Top-Engine geschlagen. Der Autor hier meint, selbst bei relativ gleichen Bedingungen wären die beiden Engines gleichauf gewesen. Und das nach nur vier Stunden Training gegen sich selbst!“
„Dein Problem“, fiel Karl ins Wort, „ist, dass Du immer gegen mich spielst. Spiel alleine und der Weltmeistertitel ist nahe!“
„Jaja, sehr lustig. Nein, Weltmeister werden wir beide nicht mehr, aber ich verstehe nicht, wie das geht. Wie kann man denn nur gegen sich selbst spielen und damit stärker werden als alle anderen? Das ist ja schon außerirdisch.“
„Ach, Außerirdische spielen Schach?“
„Karl, Du kennst meine Professur.“
„Ach, der Herr Anthropologe will mir jetzt die Menschheitsgeschichte erklären!“
Heinz stellte sorgfältig die Grundstellung wieder auf, dann nahm er Turm und Läufer beiseite.
„Nicht die Menschheitsgeschichte, sondern die Entwicklungsgeschichte von Außerirdischen.“
Karl lachte: „Außerirdische. Du wurdest wohl von welchen entführt?“
Heinz ging nicht darauf ein: „Nehmen wir doch einmal die Bewegungsmuster der Schachfiguren.“
„‚Die Bewegungsmuster‘. Na, Hauptsache, es klingt hochgestochen. Jetzt stell die Figuren wieder hin, ich will spielen.“
Ohne der Forderung nachzukommen, sprach Heinz mit bereits etwas ärgerlicher Stimme: „Dann eben für Dich, die Zugart der Figuren. Zufrieden? Jedenfalls zieht der Turm nur gerade und der Läufer nur schräg, richtig?“
Karl mockte: „Ach, hat der Herr Außerirdische jetzt verlernt, wie man spielt?“
„Nun werd nicht frech! Lass mich doch mal erklären! Also, das sind einfache geometrische Strukturen, oder für Dich ‚Linien‘, auf denen sich Turm und Läufer bewegen.“
„Ja, ich bin ja dumm“, fiel Karl ein.
„Na, was hast Du heute für eine Laune?“ wirkte Heinz schon etwas besorgt, fuhr dann aber fort: „Jedenfalls zieht die Dame wie Turm und Läufer kombiniert. Das ist also auch noch einfache Geometrie. Der Springer“, dabei hob Heinz den Sg1 hoch, „zieht auf die nächsten Felder, die die Dame nicht erreichen kann. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass eine solche Figur auch leicht zu erfinden ist.“
„Das ist doch nicht Dein Ernst!“ Karl konnte es fast nicht glauben. „Du redest vom Erfinden? Du meinst tatsächlich, dass Außerirdische das Schachspiel erfinden könnten?“
„Das versuche ich doch schon die ganze Zeit, zu sagen! Nehmen wir nun den König. Der ist ja das Mattziel, zieht nur ein Feld in jede Richtung. Nun kann es natürlich sein, dass er nur ein Feld gerade zieht, oder vielleicht schräg, aber letztlich ist so eine ähnliche Figur auch noch ausdenkbar.“
„Nur der Bauer nicht mit seinem en-passant-Schlag im Vorübergehen.“
„Aber ‚en passant‘ heißt doch schon ‚im Vorübergehen'“, wandte Heinz ein und führte weiter aus: „Jedenfalls können wir sagen, dass vier oder fünf Schachfiguren relativ leicht zu erfinden sind, weil sie auf geometrischen Standardmotiven beruhen. Eine Gerade, eine Schräge, kombiniert oder allein.“
„Na, das will mir jetzt doch einleuchten. Aber was ist, wenn der Springer mehrfach hintereinander ziehen kann, nicht nur einmal wie bei uns?“
„Dann haben wir eine sogenannte Märchenfigur, also eine Schachfigur, die hauptsächlich in Schachvarianten und im Problemschach verwendet wird.“
„Also bei Aufgaben, die sich irgendjemand ausdenkt und die dann in der Zeitung in der Samstagsspalte erscheinen.“
„Na, die mit den Märchenfiguren kommen eher weniger in der Zeitung vor, aber sonst hast Du recht. Die sind dann eher in den Fachzeitschriften der Problemschachleute, oder wie sie sich gerne nennen, der Schachkomponisten. Das klingt dann ein wenig wie Musik.“
„Nur dass Schach und Musik nicht viel gemeinsam haben.“
„Na, da habe ich sogar ein kleines Rätsel für Dich. Ich mag jetzt nicht nochmal aufbauen, also stell Dir bitte mal die Stellung im Kopf vor: weißer König auf b1, weiße Türme auf a6 und c8, schwarzer König auf h5. Weiß setzt in zwei Zügen matt.“
„Das ist doch einfach. Willst Du mich vera…“
„Moment, ich war noch nicht fertig“, brach Heinz Karl mitten im Wort ab. „Warum kann die Aufgabe nur so stehen und nicht gespiegelt, das heißt etwa Königs- und Damenflügel vertauscht oder ‚oben‘ und ‚unten‘ vertauscht?“
„Du meinst die erste bis vierte mit der fünften bis achten Reihe ausgetauscht? Woher soll ich das wissen?“
„Nun, die Aufgabe hat sich ein Werner Keym ausgedacht, der auch ein großer Musikliebhaber ist. Schau doch nochmal die Felder genau an. Was siehst Du?“
Karl kam die Erleuchtung: „Die Felder b1, a6, c8, h5. Moment, das ist ‚bach‘. Bach. Wenn Du schon Musik sagst, dann ist das bestimmt der Komponist Bach? Johann Sebastian Bach?“
„Jetzt hast Du schon die halbe Lösung. Schau nochmal hin. Ich weiß, dass Du Dich auch in der Musikgeschichte auskennst!“
„Ah, das ist der Tipp! Es geht um die Felder und die Musikgeschichte. Bach… 1685. Nein, das kann nicht sein! Das ist doch das Geburtsjahr von Bach! 1685! Natürlich! Wenn wir jetzt irgendwas vertauschen, ist das Matt in zwei weiterhin da, aber Bach oder das Jahr nicht mehr.“

BACH-Aufgabe

„Genau, also kann man Schach und Musik auch miteinander verbinden.“
„Ja, Du bist gut! Da fällt mir ein, da gab es doch mal so eine Musik-CD.“
„Von Bach gibt es viele.“
„Nein, da waren auch Schachlieder drauf. Die hatte mal die Deutsche Schachjugend aufgenommen.“
„So kann man natürlich auch Schach und Musik verbinden. Aber ich wollte Dir eigentlich noch erzählen, wie die Außerirdischen Schach spielen.“
„Ja, erzähl weiter, jetzt bin ich gespannt. Aber sag mir noch, warum die Schach spielen.“
„Nun, stell Dir vor, das sind intelligente Wesen wie Du und ich…“
„Außer in der Partie vorhin.“
„Ach, sei still, Nörgelkarl. Jedenfalls sind das intelligente Wesen, die die gleichen Grundbedürfnisse wie wir Menschen haben. Davon gehen wir jetzt mal aus. Nun wissen wir nicht viel über die Anatomie, also lassen wir mal die grundsätzlichsten Bedürfnisse weg.“
„Du meinst Essen, Trinken, Sexualität, Schlaf, Schmerzfreiheit.“
„Wie gesagt, wir kennen die Anatomie nicht, aber es sind intelligente Wesen, die nun das tun, was intelligente Wesen tun. Aber sie haben nicht immer was zu tun, das heißt, es gibt Pausen, die ungenutzt sind, wo sie sich langweilen. Also brauchen sie eine Beschäftigung, einen Zeitvertreib. Deshalb erfinden sie Spiele.“
„Computerspiele?“
„Nein, so weit entwickelt sind die Außerirdischen zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber sie haben die Euklid’sche Geometrie verstanden.“
„Moment“, wirft Karl ein, „wieso heißt bei denen ein Mathematiker Euklid?“
„Ich benutze natürlich unsere Worte. Bei den Außerirdischen heißt das dann anders.“
„Also ist Thomas Anders Mathematiker? Ich dachte, der singt.“
„Jetzt lass mich doch in Ruhe!“
Karl lacht. „Ich hab zuviel Spaß. Na gut, ich will nicht mehr unterbrechen.“
„Also.“
„Oder doch, aber nur noch einmal.“
„Gut, nun darf ich wieder?“
„Klar, aber erst nach dieser Unterbre…“
„Jedenfalls“, lässt Heinz Karl nicht mehr ausreden, „haben die Außerirdischen schon geometrische Grundlagen verstanden und erfinden nun verschiedene Rätsel und Spiele. Und irgendeiner kommt dann bestimmt auch auf die Idee, mit diesen Grundlagen ein Spiel zu erfinden. Dann braucht er aber ein Spielziel, also nimmt er eine schwache Figur, die gefangen wird. Und da sind wir, wo wir vorhin aufgehört haben. Wir haben nun Läufer, Turm, König, vielleicht auch Dame und Springer. Jedenfalls haben wir eine Art von Schachspiel.“
„Du spinnst doch. Außerirdische, die Schach spielen. Sowas gibt es doch nicht! Na gut, es wird schon etwas spät, ich muss nun nach Hause. Meine Frau wartet bestimmt bereits auf mich. Du weißt ja, wenn es später als zehn wird, macht sie sich Sorgen. Ich ruf sie schnell noch an, dann gehe ich. Vielleicht können wir nächsten Monat mehr über Deine Idee reden.“
Karl stand auf und zog seinen Mantel an, während Heinz bereits für ihn die Telefonnummer wählte.

„Scurmo, was schaust Du in den Himmel?“
Die beiden Monde leuchteten auch tagsüber durch den purpurnen Himmel, als Scurmo sein Spielfeld in den Sand malte und die grob geschnitzten Steinfiguren auf das acht mal acht Felder große Spielfeld aufstellte. Er hatte noch Ideen für sein Spiel, so war noch nicht die Frage geklärt, wie er den vorne stehenden Speerträgern erlauben konnte, zwei Felder vom Startfeld aus zu ziehen, ohne dass sie so an gegnerischen Speerträgern vorbeischleichen konnten. Vielleicht konnte er eine besondere Schlagregel erfinden. Dann drehte er sich zu Kuros um und strich sich über seine silberne Stirn.
„Ach, weißt Du, manchmal frage ich mich, ob es jenseits des Himmels noch etwas gibt? Vielleicht ist das wie mit den Inseln, dass wir nur hoch genug hüpfen müssen und dann können wir zu anderen Inseln hüpfen, zu anderen Welten, und vielleicht sind da auch schon irgendwelche Wesen, die so etwas spielen.“
„Du meinst, es gibt andere Welten? Und da gibt es dann auch so etwas wie Dein Häuptlingsspiel? Du denkst wirklich zu viel nach. Nun lass uns beginnen.“
Scurmo bewegte seinen Froschkrieger auf das zwei Reihen weiterliegende Feld zwischen der Geraden und Schrägen über die Speerträger, sah noch ein wenig in den Himmel, dann verwarf er den Gedanken wieder. Selbst falls es noch mehr jenseits des Himmels gab: So ein Spiel wie seines musste auf allen Himmelsinseln einzigartig sein!

Verfasser: Siegfried Hornecker, Güstrow

(Verwendung der BACH-Aufgabe mit freundlicher Genehmigung von Werner Keym, entnommen aus seinem Buch „Eigenartige Schachprobleme“ 2010. Originalforderung: „Matt in zwei Zügen. Warum wären Spiegelungen der Stellung musikgeschichtlich inkorrekt?“)

8. Spielberichterstattung

Ein Auszug aus der Spielberichtserstattung nach einem Mannschaftswettkampf

Michael (bzw. seine Stellung) leidet während seiner kompletten Eröffnungsphase darunter, dass sein Damenläufer es vorzieht, sich es auf c8 gemütlich zu machen. Anstatt schnellstmöglich (d. h. vor e7-e6) in einer Caro-Kann-Eröffnung (es ist die Flohr-Variante, NICHT Floh-Variante ) diesen Läufer nach f5 zu dirigieren, verharrt (man müsste eher sagen erstarrt!) der Damenläufer bewegungs- und regungslos auf c8. So nimmt schon beizeiten das Unheil seinen Lauf.

Nach 6. … Db6

Dd8-b6 verhindert Sg8-e7, denn sonst erfolgte Lg5xSe7 nebst Ke8xLe7 mit unmöglicher Rochade. Also Sg8-h6. Mist aber auch. Dd1-d2 (nach beidseitiger Rochade) offenbart das ganze Unheil Michaels unglücklicher Positionsfehler. Kein Feld mehr frei für den Springer! Doch! Ein kleines Feld auf f5 zum Verschnaufen, aber nach g2-g4 darf sich dieses Pferdchen entscheiden, welchen Tod es sterben mag.

Nach 11. g4

Es entscheidet sich dafür, noch zwei weiße Bauern mit ins Grab zu reißen. Aber das ist dann auch furchtbar mit anzusehen, welche Figuren dafür alle ihr dann doch sehr kurzes Leben lassen müssen. Die beiden Königinnen und bei Weiß zwei treue Fußvasallen und bei Michael der Königsspringer, der die Königin schützen und rächen muss. Nun ja, sieht nicht gut aus für Michael, aber falls er es schafft, seinem Gegner das Leben dadurch schwer zu machen, indem er die Reihen (und Linien!) geschlossen hält, evtl. die weißen Rösser aus dem Spiel nehmen kann, kann er seinem Monarchen wohl das Leben retten.
Und wieder wenden wir uns einer Schlüsselstellung zu. Hat Michael meine telepathisch transportierten Schwingungen empfangen? Hat er das richtige Fingerspitzen-/Positionsgefühl an den Tag bzw. auf’s Brett gelegt? Hat er? Hat er?? Hat er??? Nein, hat er leider nicht  Zumindest nicht auf Dauer, nur bis zum 25. Zug. Da hat sein Gegner sogar ihm noch den Gefallen getan, einen seiner beweglichen Springer abzutauschen, sodass Michael über eine Bauernwand h7, g6, f6, e5, d5, c6, b5 und a6 verfügt.

Nach 25. … d4

Jetzt gelte es, diese Bauernkette nur zu bewegen, wenn sich ein weißer Bauer direkt bei einem schwarzen Bauern anfragend nach vorne wagt. Nicht umsonst hieß es früher auf den Schlachtfeldern: „Haltet die Reihen geschlossen! Bleibt standhaft! Entfernt Euch nicht voneinander! Ihr müsst Euch immer an den Händen fassen können!“ Doch Michaels Naturell spielt ihm einen Streich. „Vorwärts! Immer vorwärts!“ schreit ihm der kleine Teufel ins Ohr. D5-d4 und Du kannst Deinen Läufer auf e3 mit Schachgebot verankern!“ Gesagt – getan. Aber prompt kommt der Rückschlag. Der weiße Springer dringt von c3 über e4 nach d6 vor, tauscht sich gegen den unbeweglichsten schwarzen schwarzfeldrigen Caro-Kann-Läufer aller Zeiten auf b7. Hätte nun Weiß keinen Bauernhebelzug mehr, könnte die mittlerweile löchrige schwarze Reihe noch Schutz bieten.

Nach 32. c3

Aber nachdem auch noch Michael seinen Läufer nach f4 zieht, nimmt mit c2-c3 das Unheil seinen Lauf! Meine telepathischen Fähigkeiten lassen heute sehr zu wünschen übrig. Noch lauter kann ich c6-c5 ihm nicht suggerieren. Michael hat wohl vor Ld3-e4 mehr Bammel, denn dann wäre auch diese h1-a8-Diagonale in Feindeshand. So brechen nach und nach alle Dämme. D- und e-Linie werden geöffnet, dann noch das allerletzte Dämmchen, die g-Linie. Michael möchte noch wenigstens einmal Schach bieten, darf es sogar zwei Mal. Aber auch das schiebt das Ende nur noch hinaus. Das genaue Ende ist nicht zu eruieren, da die Mitschrift Michael typisch verläuft. Zu viele faule Ostereier in diesem Nest. Auch so etwas, worin sich eines unserer Mankos widerspiegelt. Der Ablauf ist doch einfach. Man schreibt des Gegners Zug auf, überlegt seinen eigenen, zieht ihn, drückt die Uhr und schreibt den eigenen Zug auf. Dann das ganze vor vorne. Das wäre mal ein Träumchen. Ich schmeiß ‘ne Runde, falls ich mal 8 problemlos nachspielbare Notationen erhalte. So steht es nach 2,5 Stunden 0:2.

Bernd – Michael , 2018, Partienotation

1.e2−e4 c7−c6 2.Sb1−c3 g7−g6
3.d2−d4 Lf8−g7 4.Sg1−f3 d7−d5
5.e4−e5 e7−e6 6.Lc1−g5 Dd8−b6
7.Ta1−b1 Sb8−d7 8.Lf1−e2 Sg8−h6
9.0−0 0−0 10.Dd1−d2 Sh6−f5
11.g2−g4 Sf5xd4 12.Dd2xd4 Db6xd4
13.Sf3xd4 Sd7xe5 14.Sd4−b3 f7−f6
15.Lg5−f4 Se5−d7 16.Lf4−g3 e6−e5
17.f2−f3 b7−b6 18.h2−h3 Lc8−b7
19.a2−a4 Ta8−c8 20.a4−a5 b6−b5
21.Lg3−f2 a7−a6 22.Sb3−c5 Sd7xc5
23.Lf2xc5 Tf8−f7 24.Lc5−a3 Lg7−h6
25.Tb1−d1 d5−d4 26.Sc3−e4 Lh6−e3+
27.Kg1−g2 Tc8−a8 28.Se4−d6 Tf7−d7
29.Sd6xb7 Td7xb7 30.Le2−d3 Ta8−c8
31.Tf1−e1 Le3−f4 32.c2−c3 Kg8−g7
33.c3xd4 h7−h5 34.d4xe5 Lf4xe5
35.b2−b4 Tb7−f7 36.Te1−e3 Le5−f4
37.Te3−e2 f6−f5 38.g4xf5 g6xf5
39.Ld3−c2 Kg7−h7 40.Te2−e6 Tc8−g8+
41.Kg2−f2 Lf4−g3+ 42.Kf2−f1 Tf7−c7
43.Lc2xf5+ Kh7−h8
1−0

Verfasser: Matthias Hofmann, Marktheidenfeld

7. Schach macht Spaß – Oder wie uns eine Partie das Leben eines Komponisten näher bringt

Schach ist schön und nahezu überall auffindbar. Wie bunte Eier an Ostern hier und da aus dem zartgrünen Gras hervorlugen, so kann uns Schach überall plötzlich und manchmal auch unerwartet an das königliche Spiel denken lassen. Im Garten erfreut uns im Frühjahr die zarte Schachbrettblume, beim Besuch im Frankfurter Geburtshaus von Goethe ist ein Fenstertischchen mit eingearbeiteten Schachbrett zu entdecken und selbst Schumann, den wir als Komponisten kennen, war ein begabter Schachspieler. Wenn wir bereit sind, uns auf das vielseitige Spiel einzulassen, hält es auch in seinen Tiefen so manche Lebensweisheit für uns parat. In einer Glasvitrine im Geburtshaus von Robert Schumann in Zwickau steht ein kleines Schachspiel mit aufgestellter spannender Partie.

Auf den ersten Blick sieht es für Schumann mit Weiß und seinen nahezu mickrig anmutenden, noch verbliebenen Figuren ziemlich hoffnungslos aus. Sein schwarzes Gegenüber kann mit immerhin noch neun Spielteilnehmern aufwarten. Ihm selbst verblieben gerade noch fünf. „Oh je Herr Schumann“, dachte ich auf den ersten Blick, „das sieht ja auf dem Spielfeld wie ihr eigenes wirkliches tragisches Lebensende aus! “Aber schnell blickte ich tiefer ins Geschehen und der richtige Ort der verbliebenen Figuren zeigte eine kluge Übermacht, Schumann war nicht allein auf dem Schlachtfeld des Lebens, unweit von ihm stand Clara Wieck bereit, sich für ihn in die Bresche zu schlagen, bereit, sich für ihn herzugeben. Sein Ziel, Zweisamkeit in Einheit war nicht nur sein musikalisches Erstreben, auch auf dem Schachbrett kämpften bei ihm Dame und König beharrlich gemeinsam. So wie Clara durch ihre Konzerttournee in Russland die Geldsorgen stoppte, so bot sie hier dem Gegner die Stirn. De3 – g5+. Egal, dass sie hernach vom Platz musste. h6 x g5. Sie wurde von einem starken Läufer unterstützt, vielleicht ein Davidsbündler, mit dem Robert einst im Leipziger Lokal „Zum Arabischen Coffeebaum“ sich einfand. Ld2 x g5#. Alle gemeinsam konnten sich jedenfalls am Triumph des Königs erfreuen! Weiß (Schumann) errang den Sieg! Und was lehrt uns das? Niemals aufgeben, auch wenn es zunächst trostlos erscheint – sich Verbündete suchen und gemeinsam das Ziel erreichen! Schach und das Leben machen Spaß!

Verfasser: Viola Nickel, Rodewisch

6. Gefühlter Sieg und doch verloren

Nachbarn sind im Turnier:
Erstes Brett: Weißhaupt gegen Schwarzhaupt und
Zweites Brett: Weißbart gegen Schwarzbart

Tretet an den Tisch
Auf dem sind aufgestellt
Die Figuren für das Spiel.
Hier am Brett müßt ihr beweisen
Wer strategische Lagen
Taktisch gut umsetzt.

Eine Schlacht wird heute geschlagen,
Seid ihr Spieler dazu bereit.
Gelost wurde schon
Wer mit welcher Farbe führt,
Die Figuren auf dem Brett.
Der Spieler der mit Weiß hier spielt
Eröffnet die Partie mit dem ersten Zug.

Schwungvoll eröffnet, mit weiß, Weißhaupt den Kampf
Mit dem Doppelschritt des Damenbauern nach e4.
Antwort gibt Schwarzhaupt mit dem Bauernzug c5
Und deutet an, daß er Sizilianisch spielen will.
Am zweiten Brett zieht Weißbart
Den Königsbauer nach d4.
Mit seinem Bauer hält Schwarzbart auf d5 dagegen.
Und lenkt in ein Damenbauernspiel ein.

Die Springer wurden bereit gestellt
Um zur Attacke anzureiten.
Weißhaupt ließ noch leichte Truppen aufmarschieren
Und brachte auf g5
Seinen schwarzfeldrigen Läufer in Stellung.
Er sollte den Springerangriff unterstützen.

„Das wird reichen“, so dachte Weißhaupt,
„Den Schwarzen einzuengen.
In dem gewonnen Raum
Reitet der Springer zur Attacke.
Und der schwarzfeldrige Läufer
Muß den nötigen Druck ausüben.“

Am anderen Brett, so dachte Schwarzbart,
„Das Beste ist Ich sichere die Mitte
Und schaffe Raum für den schwarzen Läufer.
Leider muß die Freiheit des weißfeldrigen Läufers
Stark eingeschränkt bleiben.“

„Was du kannst kann ich auch“,
So dachte Weißbart und zog nach.
So sicherte er seinen zentralen Bauern
Und öffnete dem weißfeldrigen Läufer
Eine lange Diagonale.

Derweil hatte Schwarzhaupt am ersten Brett rochiert
Seine gedrückte Stellung dabei
Aber nicht wesentlich verbessert.
Die Fesselung des Springers
Hob er damit nicht auf.

„Will Schwarzhaupt die Fesselung aufheben
Dann muß die Dame“, so überlegte Weißhaupt,
„Ihr angestammtes Feld verlassen.
Das sind für mich gute Aussichten!“

Schwarzhaupt nun seinerseits
Fand den schwarzfeldrigen Läufer
Seines Gegners auf g5 lästig
Und griff ihn mit dem h-Bauer an.

Den Läufer zog Weißhaupt zurück
Ohne den Druck zu lockern.
Auf h4 hielt er weiterhin
Die Diagonale besetzt.

„Da muß doch etwas zu machen sein“,
So dachte Weißhaupt
Und brachte auf c7 seinen Springer
In eine Angriffsposition auf Schwarzhaupts Dame.

Nun offenbarte sich das Dilemma
In das Schwarzhaupt sich selber hineinmanövriert hatte,
Denn Weißhaupt griff mit seinem Springer
Schwarzhaupts Dame an,
Und die konnte nicht mehr zurück.

Eine lange Zeit des Überlegens schloß sich an
Bis Schwarzhaupt eine Lösung gefunden hatte
Um noch aus der vermaledeiten Lage
Mit Gewinn herauszukommen.

Am anderen Brett hatte Schwarzbart einen Entschluß gefaßt
Und seinen schwarzfeldrigen Läufer ins Spiel gebracht.
Daraufhin zog Weißbart den seinigen zurück
Mit der Absicht ihn schlagen zu lassen.
„Wenn du ihn schlägst“, so dachte Weißbart,
„Dann öffnet sich mir die h-Linie
Für den Einbruch mit Turm und Dame.“

So kam es auch:
Die Läufer wurden getauscht
Und bald darauf rochierte Schwarzbart
Zum Damenflügel hin.
Nun ist das Angriffsziel für Weißbart erkennbar.
Sofort begann er mit dem Angriff
Und eröffnete ihn mit dem Bauernsturm.

Schwarzhaupt setzte seinen Plan in die Tat um
Und beseitigte den schwarzfeldrigen Läufer
Der auf h4 postiert war
Und brachte seinen Springer
In eine für Weißhaupt nachteilige Stellung.

Weißhaupt seinerseits schlug die schwarze Dame
Und Schwarzhaupt antwortete seinem Plan gemäß
Mit einem Springerschach das Folgen hatte,
Denn mit diesen Schach verschwand
Der die Königsstellung verteidigende Springer.

„Nun habe ich die Dame
Der Sieg ist mir nicht mehr zu nehmen“,
So jubelte Weißhaupt innerlich.
„Nun ihr Figuren vorwärts zum Sieg!“

Der zweite schwarze Springer
Der die schwarze Dame vom Brett genommen
Spielte in der Folge keine Rolle mehr,
Denn auch diese Figur verschwand vom Brett.

Der gefühlte Sieg steckte an
Den Nachbarn am Nebentisch.
Dort geschah das Gleiche
Wie ein gefühlter Sieg alsbald
In das Gegenteil umschlug.

Weißbart setzte seine Bauern in Bewegung
Auf dem Damenflügel marschierten sie
Die Bauern a und b.
Nach einem kurzen Geplänkel
Wurden die starken Figuren
In Stellung gebracht.

Mit der Reiterei begann der Endkampf
In dem der verbliebene Läufer eingriff.
Sie zwangen Schwarzbart die Verteidigung zu öffnen,
Um für die angreifenden Türme und die Dame
Den Widerstand gering zu halten.

Schwarzbart wehrte sich
Und sieht das drohende Ende
Schon vor seinem geistigen Auge stehen,
Als Weißbart im Geiste schon den Sieg
Für sich verinnern will.

Da geschieht das unfaßbare
Anstatt den Mattangriff fortzusetzen
Verschenkte Weißbart
Das wichtigste Tempo im Spiel.

Wer die Wahl hat
Hat auch die Qual.
Weißbart mußte die Dame stehenlassen.
Er mußte erst Schwarzbarts Turm schlagen.

„Tue ich‘s nicht tut er das“, so dachte er.
„Schwarzbart wird nicht zögern
Das mit seinem Turm zu tun.
Und damit wird er gleichzeitig Schach bieten.
Der König muß in die h-Linie ausweichen,
Dem das Damenmatt auf h8 folgt.“

Mit einer Springerattacke
Nimmt Schwarzbart die weiße Dame vom Feld.
Gegen die schwarze Dame hatte der verbliebene Turm
Keine Chance mehr auf den Gewinn.
Die Mehrzahl der Bauern
Wären alsbald der Dame und dem Springer
Zum Opfer gefallen.
So gab Weißbart den Kampf auf.

Beide Spieler Weißhaupt und Schwarzhaupt
Betrachteten nun ihre Stellung.
Weiß hatte eine offene Stellung
Die von Anbeginn auf Angriff angelegt war.
Die Dame hatte Schwarzhaupt verloren
Zwei Leichtfiguren hatte er dafür bekommen
Und eine, für die Verteidigung, geschlossene Stellung
Hatte er nun auf dem Brett.

Weißhaupt hatte den schachbietenden Springer
Mit der Dame vom Brett genommen
Und gleichzeitig die Dame
Die für den Angriff bereitstand
Aus diesem genommen.

Schwarzhaupt begann nun seine Verteidigung
Verbunden mit Angriffsdrohungen
In die Tat umzusetzen.
Der Schlüssel dazu
War der verbliebene Springer
Der für Unruhe sorgte
Bis er das Feld d4 einnahm

Und nur noch durch das Opfer einer schweren Figur
Von dort vertrieben werden konnte.

Im Schutze dieses Springers
Brachte Schwarzhaupt beide Türme und beide Läufer
In eine Angriffsstellung
Auf die weiße Königsbastion.

Weiß hatte keine Möglichkeit mehr
Seine Türme und die Dame
In eine aussichtsreiche Stellung zu bringen.
Der Springer auf d4
Machte die Besitznahme
Der offenen Linie unmöglich.

So versuchte Weißhaupt
Mit einem Bauernangriff
Auf dem Königsflügel
Raum für seine schweren Figuren zu gewinnen,
Was nicht gelang
Aber die weiße Königsstellung öffnete.

Schwarzhaupt hatte die offene c-Linie mit den Türmen besetzt
Und beide Läufer konnten über die Diagonalen
In die weiße Stellung eindringen.

Türme und Dame von Weißhaupt
Waren mit der Verteidigung des Königs überfordert
Und es drohte der Verlust dieser Figuren.
Das mehr an Figuren und deren Beweglichkeit
Brachte Schwarzhaupt den Sieg.

Schlussdiagramm: Weiß: Weißhaupt und Schwarz: Schwarzhaupt
Schwarzhaupt war am Zug, als Weißhaupt aufgab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schlussdiagramm: Weiß: Weißbart und Schwarz: Schwarzbart
Schwarzbart am Zug: Springer schlägt die Dame und Weißbart gab auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasser: Wolfgang Schroedter, Kiel

5. Deal

Philipp findet Alexandra cool. Schon ziemlich lange. Sie hat dunkelbraune, lange Haare und ein freundliches Grinsen. In den Mathematikvorlesungen schneidet sie immer richtig gut ab.
Philipp bewundert sie schon lange. Sie anzusprechen hat er sich noch nicht getraut.
Immer schwirren so viele andere Männer um sie herum – kein Wunder in der Mathevorlesung.
Philipp findet keine Gelegenheit, sie mal anzusprechen. Keine.
Bis zu jenem Tag, an dem die Vorlesung ausfällt, weil der Dozent mit der Bundesbahn auf irgendeinem Kleinstadtbahnhof gestrandet ist.
Eine Weile stehen alle herum, dann verteilt sich die Menge der Studenten. Das Gros zieht ab Richtung Straßenbahnhaltestelle, einige Richtung Mensa.
Alexandra setzt sich an einen der Tische im Foyer.
Philipp setzt sich gegenüber, lächelt ihr vorsichtig zu.
Alexandra kramt in ihrer Tasche, holt ein Taschenschachspiel hervor und ein Buch.
Dann beginnt sie sorgfältig, die Figuren aufzustellen.
Philipp freut sich.
Schach kann jeder. Schach ist immerhin ein Anknüpfungspunkt. Und immerhin hat er damals gegen seinen Opa ein paar Mal gewonnen.
„Sollen wir eine Partie spielen?“, fragt er eifrig.
Alexandras Blick ist schwer zu deuten, als sie meint: „Ich spiele aber häufiger …“
„Ich auch“, versichert Philipp. Hat er nicht gerade vor drei oder vier Wochen seinem kleinen Neffen den Gefallen getan und mit ihm Schach gespielt?
Philipp ist ein bisschen aufgeregt, aber nicht sehr. Soll er sie gewinnen lassen, wie den kleinen Neffen? Ach nein, vielleicht besser nicht … zu verlieren ist nicht wirklich cool.
Alexandra schiebt das Brett in die Mitte, die weißen Figuren zu Philipp hin. Schnell kontrolliert er nach, dass alles richtig steht. Die Dame muss immer auf D, das kann man sich gut merken.
„Weiß beginnt“, stellt Philipp fest, damit Alexandra auch weiß, dass er Ahnung hat. Dann überlegt er kurz. Sein Opa hat immer den Bauern vor der Dame vorgezogen. Das ist langweilig. Philipp wird etwas anderes, etwas Originelleres tun.
Kurzentschlossen spielt er g2-g4.
Er lehnt sich zurück und sieht Alexandra erwartungsvoll an.
Die sitzt leicht vornübergebeugt, die Hände auf dem Schoß, den Blick auf dem Schachbrett, überlegt nur kurz und setzt dann d7-d5.
Es ist gut, dass Philipp sich gut mit Schach auskennt, daher weiß er, dass er jetzt dran ist, obwohl Alexandra überhaupt nichts sagt.
Irgendwie hat sie nicht so gezogen, wie Philipp das jetzt gedacht hätte, aber das ist eigentlich egal. Seinen Plan kann er trotzdem durchführen.
Schnell spielt er den Läufer: Lf1-h3.
Alexandra sagt wieder nichts, sieht Philipp auch nicht an, sieht auf das Spielbrett, hebt jetzt erst die Hand und spielt Sb8-c6.
Aha. Philipp lächelt zufrieden. Sie macht ihm die schräge Reihe nach. Die ist auch praktisch, weil die Figuren sich gegenseitig decken können.
Philipp hat einen Plan. Er will nämlich einen Trick anwenden, den er kennt. Und dafür muss er Platz machen. Der Springer ist noch im Weg. Also spielt Philipp Sg1-f3. Gleich geht es los.
Wieder denkt Alexandra nach. Kurz nur. Sie hat nicht gesehen, was für einen genialen Plan Philipp hat. Dann spielt sie den Springer: Sg8-f6.
Und jetzt kommt der Trick, auf den sich Philipp schon die ganze Zeit über freut: die Rochade. Da wird Alexandra Augen machen!
Sorgfältig zieht Philipp seine Figuren: 0-0
Dann sieht er Alexandra erwartungsvoll an.
Die runzelt nur ganz leicht die Stirn. Wie hübsch sie ist! Sie zieht einen Bauern vor, und zum ersten Mal während des Spiels sieht sie Philipp an. Ganz kurz nur, mit einem kleinen Lächeln, das ihr wunderbar steht. E7-e5 zieht sie. Philipp nickt.
Sie will ihn bedrohen, aber dagegen kann man ja etwas tun. Er wird sie auch bedrohen. G4-g5.
Wieder denkt Alexandra kurz nach, hebt die Hand und zieht. Und das darf doch nicht wahr sein! Sie schlägt einfach seinen Läufer – obwohl ihr Springer bedroht ist! Das tut man nicht, das weiß Philipp von seinem Opa. Lc8-h3 zieht Alexandra, und Philipps Läufer ist futsch.
Da gibt es nicht viel zu überlegen. Das hat sie jetzt davon. Dann nimmt er eben ihren Springer. G5xf6. Zufrieden legt Philipp den Springer beiseite.
Jetzt ist Alexandra wieder an der Reihe. Sie sieht nicht sehr schockiert aus. Wahrscheinlich weiß sie nicht, dass eine Figur wertvoll ist. Sie denkt noch nicht einmal lange nach. Sie schlägt einfach Philipps Bauern. Dd8-f6. So ist das.
Philipp ist frustriert.
Er braucht etwas Zeit zum Nachdenken, wirklich. Deshalb setzt er erst einmal Tf1-e1. Damit kann man ja wohl nichts falsch machen.
Aber viel Zeit gewinnt er nicht. Alexandra zieht die Dame. Df6-g6.
Jetzt steht Philipps König im Schach. Was soll er denn jetzt machen? Etwas richtig Gutes fällt ihm eigentlich nicht ein. Schnell zieht er Kg1-h1. Aber er ahnt schon, was jetzt kommt.
Und er behält recht. Ohne zu zögern zieht Alexandra Dg6-g2++
Schachmatt.
Da hat er sich ja schön blamiert. Und überhaupt ist Schach eigentlich blöd …
Philipp wagt es gar nicht, Alexandra anzusehen.
„Gegen wen spielst du denn sonst so?“, erkundigt sich Alexandra beiläufig, während sie die Schachfiguren einräumt.
„Gegen meinen Neffen“, murmelt Philipp. „Und früher gegen meinen Opa. Und du?“
„Ich trainiere bei uns die Jugendmannschaft.“ Alexandra lacht. Sie hat Grübchen in der Wange, wenn sie lacht. „Sag mal – bist du nicht dieser Freak, was Algebra angeht?“
Philipp zögert. Er ist mit der beste im Algebraseminar. Aber Freak?
Alexandra grinst und meint: „Wir können einen Deal machen. Du hilfst mir, mich für die Algebraklausur vorzubereiten und ich bringe dir Schachspielen bei. Deal?“ Sie sieht ihn von der Seite an und ergänzt: „Schach macht nämlich Spaß.“
Mit einem Mal muss Philipp lachen. Bestimmt macht Schach wirklich Spaß. Wenn man es kann.
Er schlägt ein und hält Alexandras Hand fest. „Deal!“

Verfasser: Inken Weiand, Bad Münstereifel

4. Herrenschach, eine Frauensportart

Um sich zu vergnügen und den Geist frisch zu erhalten, bietet sich eine Partie Schach an. Momentan sind es zu über 90% Frauen, die Schach spielen. Wollen wir nun zunächst einmal untersuchen, warum das so sein könnte und uns im zweiten Abschnitt einer unsterblichen Partie widmen.

Frauen werden selbstbewusst erzogen, sollen Karriere machen, Vorstandsmitglieder werden, Stammhalterinnen werden. Männer hingegen sind nur dann gute Männer, wenn sie gut aussehen und sich nebenbei um Haushalt und Kindesaufzucht kümmern. Ein dicker Mann mit kleinkreisiger Glatze wegen genetisch bedingtem Haarausfall (?) – unvorstellbar! Frauen dagegen tragen ihren beginnenden Haarausfall und ihre Adipositas per magna als selbstverständlich und mit Würde. Männer sollen im Sitzen brav die Beine zusammenhalten oder dezent übereinanderschlagen, aber doch insgesamt auf gar keinen Fall eine weiblich dominante Pose einnehmen. Frauen hingegen fläzen sich oft breitbeinig in den Chefinsessel, nehmen viel Raum ein, sprechen sehr laut und wenn ihnen ein besonders aufreizender Mann begegnet, verteilen Sie gern den vielgerühmten Klaps auf den Po.
Nachdem der Mann sich nun schon seit Jahrhunderten mit seiner Nebenrolle zufrieden gibt, ist es nun auch schwer für ihn, sich herauszuwinden. Ein Mensch braucht Anerkennung in einer Menschengruppe – wenn nun ein Mann aussteigt, aus dem gängigen braven-Hausmann-Model, zudem nicht heiratet und keine Kinder groß zieht, muss er sich insbesondere gegenüber den anderen allgemeinen Männern erst einmal rechtfertigen, selbstbewusst werden und die Gruppe der Folgsamen verlassen.
Zwar ist gerade der Posten der Bundeskanzlerin mit Herrn Angela Merkel besetzt, aber ist er etwa ein Schachspieler? Nein. Schachspielerinnen denken strategisch, berechnen Varianten und würden keine Türme opfern ohne Kompensation zu erreichen.
Zum Schluss noch das Intelligenzargument. Sind Männer dümmer als Frauen? Statistisch gesehen gibt es im Vergleich zu Männern mehr Frauen unterhalb und oberhalb des Mittelbereichs der Gaußschen Glockenkurve, was das Argument entkräftet.
Ich persönlich glaube, weniger Männer spielen Schach, weil die meisten Männer nicht selbstbewusst genug sind. Wer schlecht von sich denkt und sich nichts zutraut, erreicht auch nichts. Schachspielende Männer sind eben nicht nur zum erheiternden Anblick der Frauen da, auch wenn diese momentan noch die Schachwelt dominieren, sondern sollten sich im Allgemeinen mehr zutrauen und selbstbewusst auftreten um ihr Potenzial so zu entfalten, wie es Frauen seit langem halten.

Nun zur Partie: gespielt wurde sie 1851 von den Schachmeisterinnen Anderssen und Kieseritzky in London.

Es ging nun los mit einem Königinsgambit. Die Bäuerinnen e4 und e5 traten an der Bretthälfte an. Für Anderssen kam die Bäuerin f4 dazu – sie unterhielten sich recht nett über die Produkte und Produzenten der Weltausstellung. Bäuerin e5 erschlug darauf die Bäuerin f4 in der Hoffnung eines materiellen Vorteils. Die Läuferin stürmte hinaus in die Welt um eine c4 zu werden und die Aussicht zu genießen. Kieseritzkys Herr begrüßte darauf die Königin auf h4. Sie wollte ihn allerdings nicht sehen und ging deshalb in ihr Gemach f1, was allerdings keine Waschräume enthielt (0-0).
Jetzt konnte sich die sonst freundliche Bäuerin b7 nicht mehr halten, weil sich Anderssen so ungezogen verhielt und ging lauthals schreiend auf die Läuferin c4 auf b5 los. Die Läuferin war so stark wie drei Bäuerinnen – sie trainierte täglich und beseitigte b5 zügig. Der Pferdestall öffnete sich und die erste Springerin stellte sich auf f6 um mit dem Fernglas Bäuerin e4 zu beobachten. Anderssens Bäuerin bleibt trotzdem selbstbewusst allein dort stehen und hält die Stellung. Nun öffnet sich auch der Pferdestall der weißen Königin. Die berühmte Springerin f3, die auch heute noch viele Partien eröffnen darf, prescht heraus und ruft zum schwarzen Herren auf h4: „Verzieht euch, eure Durchlaucht, ihr seid hier unerwünscht!“ Und der schwarze Herr trat zurück auf h6. Jetzt bekam die tapfere Bäuerin e4 Unterstützung durch die Bäuerin d3. Sie hielten sich an den Händen und bildeten eine Kette. Nur Läuferinnen, Springerinnen und Herren ließen sie gelegentlich durch. Schwarz am Zug. Die Springerin f6 war körperlich nicht recht in Form, weshalb sie sich erst einmal an den Rand stellte auf h5, um sich aufzuwärmen. Die Springerin f3 gesellte sich darauf zu ihr auf h4, machte gut Wetter und hatte aber immer im Hinterkopf f5 zu besetzen. Der Herr von h6 fühlte sich einsam und befragte die Springerin h4 unauffällig nach dem Weg. „F5“ antwortete sie und galoppierte sogleich dort hin. F5 war eine Bastei und die Springerin genoss einen wunderbaren Ausblick. Bäuerin c6 trat heran zur Läuferin b5. Da sich die Bäuerinnen c6 und d7 an den Händen hielten, waren sie eine ernsthafte Bedrohung für die Läuferin.
Doch Anderssen eröffnete erst einmal eine zweite Front mit der Bäuerin g4, die die Springerin h5 mächtig kitzelte. Vor lauter Lachen ging die besagte Springerin zurück auf f6. Nun schickte Weiß seinen ersten Turmpanzer auf g1 um die Bäuerin tatkräftig zu unterstützen. Dafür ließ die Läuferin b5 ihr Leben, da sie von der Bäuerin c6 erstochen wurde. Dazu entriss sich diese gierige Bäuerin sogar ihrer Kette. Bestärkt durch die Springerin f5 schickte Weiß seine Bäuerin h4 ins Feld um den schwarzen Herren zu befragen, was er denn auf diesem Territorium noch wünsche. Dieser wich ohne zu antworten zurück auf g6. Darauf trat die Bäuerin auf h5 und fragte nochmals nach. Der Herr trat wieder näher auf g5 und sagte, er wollte noch die schöne Landschaft beschauen, wobei er es wahrscheinlich klammheimlich auf die weiße Königin abgesehen hatte. Nun schaltete sich auch der weiße Herr ein auf f3, um zu sehen, was denn da los sein. So bekam der schwarze Herr Angst und er befahl seiner Springerin auf f6 in den Stall zurück zu reiten um für sich einen Fluchtweg zu haben. Die Läuferin der Nacht beherrschte nur die dunklen Felder. Sie rannte auf f4, erschlug dort die schwarze Bäuerin und drohte in Verbindung mit dem weißen Herren, den schwarzen Herren ebenfalls zu erschlagen. Der trat seinen Fluchtweg an – allerdings machte er Rast auf f6 und schaute mit dem Fernglas zur nicht beschützten Bäuerin b2.
Springerin b1 eilte zu Hilfe auf c3. Schwarz am Zug mit einer neuen Drohung: die schwarze Läuferin der Nacht drohte den weißen Turmpanzer auf g1 zu vernichten und ließ sich dazu auf c5 nieder. Da Kieseritzky sehr materialistisch eingestellt zu sein schien, erdachte sich Anderssen einen listigen Plan.
Seine Springerin verließ zur Ablenkung c3 und sprang auf d5. Das zweite Opfer nach der Läuferin des Tages fiel auf b2. Wagemutig schickte Weiß seine Läuferin der Nacht auf d6 um sich unauffällig mit Hintergedanken günstig zu platzieren. Die schwarze Läuferin der Nacht bekam Angst auf c5 erschlagen zu werden und verwirklichte nun ihre Drohung den Turmpanzer auf g1 nieder zu metzeln. Spätestens jetzt lag der Königinsflügel des weißen Schlosses in Schutt und Asche. Aber die weiße Königin vertraute auf Anderssens listigem Plan und fürchtete sich nicht. Weiß operierte ganz unauffällig weiter als sei nichts gewesen und schickte die Bäuerin e4 auf e5. Jetzt zertrümmerte der schwarze Herr auch noch den Damenflügel des einst schönen Schlosses und begrüßte abermals die weiße Königin. Dieses Mal etwas energischer. Doch die weiße Königin konnte den schwarzen Herrn nicht ausstehen und verzog sich in ihren Bunker unter e2.
So ganz allmählich schien schwarz jetzt seine missliche Lage zu begreifen, öffnete den Pferdestall des Herrenflügels und schickte seine Springerin auf a6. Aber das half nichts mehr. Die weiße Springerin erschlug die Bäuerin g7 und begrüßte noch freundlich die schwarze Königin. Die versuchte sich im Herrenflügel zu verstecken auf g8. Der weiße Herr trat heran, begrüßte die schwarze Königin auf f6 und wurde direkt darauf erschlagen von der Springerin aus g8. Er sollte nicht umsonst erschlagen worden sein. Die weiße Läuferin der Nacht rannte ins Versteck der schwarzen Königin, setzte ihre Clownsmaske auf und erschreckte die schwarze Königin auf e7 zu Tode.

Und die Moral von der Geschicht‘:
erschrecke deinen Gegner nicht.
Sonst fällt er um, natürlich lauter,
dann macht es “bumm“, zum Himmel schaut er
und spricht das Auge voll Gewässer:
vielleicht spiel ich da oben besser.
[Anmerkung: letzter Satz Abwandlung 3. Strophe aus „Kunibert“ von Heinz Erhardt]

Selbstverständlich wurde der Inhalt des ersten Teils gnadenlos übertrieben und für die politische Korrektheit (?!) durchmischen Sie bitte beim Lesen die Geschlechterrollen. Der Text ist im weitesten Sinne als Kunst zu verstehen.

Verfasser: Manja Albrecht, Köln

3. Schach macht Spaß oder meine unorthodoxe Herangehensweise an dieses Spiel

Schach, ja von Schach hatte ich allenfalls mal gehört. Ich wusste, dass es kein Würfelspiel ist.
Das war es dann auch.
Meine Eltern hatten später mal ein Schachspiel zur Deko stehen. Ich weiß bis heute nicht, ob die Figuren von richtig aufgebaut waren. Keine Berührung mit dem Volkssport. Ein Spiel in der großen Spielesammlung, aber nie dafür interessiert. Ich war ja auch „richtiger“ Sportler. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht.

Bis zu meinem 33. Lebensjahr hatte ich nie Kontakt zu Schach, geschweige denn zu Schachspielern.

Plötzlich kannte ich einen Schachspieler, aber Schach sagte mir immer noch nichts. Ich wusste nur, dass wenn mein neuer Partner zu einem Schachspiel fuhr, dass es endlos dauern konnte, bis er wieder zuhause war. Ich fand es sehr befremdlich, dass er mir sagte, er sei um so und so viel Uhr wieder da – es wurde grundsätzlich später. Ich komme vom Mannschaftssport, und da hat ein Spiel eine bestimmte Zeit – duschen – danach nett beisammen sein, manchmal auch noch zusammen Essen – ich konnte ziemlich genau sagen, wann ich wieder zuhause bin. Es würde noch Jahre dauern, bis ich endlich dahinter kam, warum das so war.

Bis zu meinem 42. Lebensjahr wusste ich immer noch nichts über Schach, nur dass es sehr zeitaufwändig ist.

Irgendwann im zarten Alter von ca. 4 Jahren fing unsere kleine Tochter sich dafür zu interessieren, was denn der Papa da mit diesen tollen Holzdingern macht. Es machte ihr Spaß die lustigen Gestalten richtig aufzustellen; sie fand es faszinierend wie die Figuren hin und her geschoben wurden. So faszinierend, dass sie das auch unbedingt wollte.

Und ich wusste immer noch nicht mehr über Schach.

Unser Töchterchen war so begeistert, dass sie irgendwann auch natürlich an Turnieren teilnehmen wollte. Wer durfte Sie begleiten? Richtig, die Mama! Der Papa war ja arbeiten oder selber Schach spielen.

(Mittlerweile wusste ich aber, wie die Figuren in der Grundstellung stehen. Ich musste noch lange überlegen, aber ich habe mal eine schöne Geschichte gelesen, wo die Anfänge des Schachs beschrieben waren. Also wusste ich, dass die Bischöfe direkt neben dem Königspaar stehen mussten.
Das war lange meine Eselsbrücke, da ich die Springer immer mit den Läufern vertauschte.)

Die Turniere waren mal mehr und mal weniger nett. Nett, die vielen neuen Leute, die ich kennen lernen durfte. Weniger nett, die Tränen die flossen, wenn mehrere Spiele hintereinander verloren wurden, das Kind zu beruhigen, die Wartezeit zu vertreiben. Egal, das Kind hatte Freude daran (meist zumindest). Ich wartete mit der kleinen Schwester, las, ging spazieren und unterhielt mich nett. Ich schaute nie mal nach, weil ich dachte, ich würde sie dann ablenken.
So ging das einige Zeit.

Bis der Tag kam, der mein Leben veränderte….
Spaß beiseite.
Der Tag war ein Mädchenturnier in Spelle. Ein Raum, viele Mädchen. Kleiner Spielplatz nebenan, wo die kleine Schwester spielen konnte. Was auch der Grund war, weswegen ich mich nicht entfernen konnte. Angesteckt durch die anderen Eltern ging ich dann auch mal durch die Reihen. Und was sah ich? ……NICHTS! Lauter schwarze und weiße Figuren, die kreuz und quer auf den Brettern standen.
Ich tat so, als wenn ich mit Sachverstand auf die Partien schaute.
Das war schon sehr frustrierend.
Ich unternahm beim nächsten Turnier einen weiteren Versuch. … wieder NICHTS! Rechts und links von mir redeten die Eltern über die Partien und die Stellungen…und ich verstand und sah rein gar nichts!
So konnte das nicht weiter gehen. Zwei Schachspieler in der Familie und ich hatte keine Ahnung.

Na ja, ich war schon sehr stolz, dass ich wusste, wie die Figuren stehen mussten. Zu mehr ….ja zu mehr dachte ich, bin ich nicht fähig.

Nun gab es oder gibt es noch ein kleines Problem…als Mutter von vier Kindern, Hausfrau, Putzfrau, Gärtnerin, Näherin, Supermulitorganisatorin, Ehrenamtslerin, etc. ach ja nebenbei arbeite ich auch noch, hatte ich keine Lust intensiv etwas Neues….nein Schach zu lernen. Für neue Dinge, die mich wirklich interessieren bin ich immer aufgeschlossen; aber dieses Schachding war nicht ganz so freiwillig. Ich gebe zu, die meiste Zeit war ich genervt dass mein Partner am Wochenende so oft und so lange weg war, dass ich Schach … sagen wir mal so, dass ich dem Schach nicht so freundlich geneigt war.

Mein (heute altes) Windows Vista hatte ein Schachspiel integriert. Da konnte ich mal etwas üben. Ach ja vorher ließ ich mir natürlich noch beibringen, wie die Laufwege der Figuren sind.
Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, ich glaube ich fand es schwieriger zu lernen, wie die Figuren in der Grundstellung stehen, als wie sie laufen.
Nun gut, Einstellung sehr leicht und los ging es …ach zum Glück gibt es die „Zurück“ Taste…
Mein Mann meinte zwar mit so einem Programm wäre es nicht sinnvoll, aber was sollte ich tun, wenn keiner da war?

Irgendwann wagte ich kleine Partien mit unserem Schachtöchterchen. Ich wünschte mir einen kleinen Mann im Ohr, der mir sagen sollte, was ich ziehen soll. Kleine Partien mit meinem Mann, die sehr frustrierend waren, weil ich schon nach drei vier Zügen so verloren stand, dass es keinen Spaß machte. Ich überlegte (ungelogen) stundenlang und er zog immer sofort. Ich begleitete unsere Tochter zum Training, wo ich wartete. Da in Vereinen immer etwas los ist, fand ich auch bald einen mir angemessenen Gegenspieler. Na ja, so halbwegs. Er setzte mich immer Schäfermatt und ich kapierte lange nicht, was ich falsch machte. Das ging über Monate so.
Ich nahm mir ja auch nicht die Zeit zu üben. Irgendwann war es mir zu blöd und ich ließ mir zeigen, wie man sich gegen Schäfermatt verteidigt. Schade bald hatte mein Gegenspieler keine Lust mehr gegen mich zu spielen. Ich habe dann tatsächlich ab und an gegen ihn gewonnen. Seitdem ließ er sich im Verein nicht mehr blicken. (Nun ja, ich weiß nicht ob das wirklich nur an mir lag.)

Ich kann nicht sagen, dass mich der Ehrgeiz gepackt hat, aber ich wollte jetzt doch ein wenig mehr können. Schaute mal in die Schachbücher meines Mannes …öhm, ich klappte sie auf, und auch direkt wieder zu. Ich verstand NICHTS! Oh wie frustrierend ist das denn?
Ich habe unter den gefühlt 100en Büchern kein einziges gefunden, wo ich über die erste Seite hinweg gekommen bin. Bis……
….ja bis mein Mann dann das Buch „Starke Bauernregeln“ kaufte. Endlich mal ein Schachbuch, mit dem ich etwas anfangen konnte. Dadurch habe ich auch irgendwann richtig kapiert, wie dieses Schäfermatt funktioniert. Und auch einige andere Regeln. Vielleicht hat auch das erste Heft der Stappenmethode Hilfe geleistet.

Jetzt traute ich mich auch mal gegen meine Tochter zu spielen. Und siehe da, ich gewann auch mal.

Gaaaanz langsam begann es mir zu gefallen.

Ich wollte natürlich auch die Notation erlernen und machte mich auf zu einem Spiel im Verein. Eine weitere Mutter, die auch spät das Schachspiel für sich entdeckt hat, übte mit mir. (Ich muss mal kurz anmerken, dass diese Mutter weitaus ehrgeiziger ist als ich. Sie spielt mittlerweile viele Turniere und hat richtig Spaß daran gefunden.) Bei mir ist es noch nicht ganz so weit. Wo bin ich stehen geblieben? Ach ja Notation. Das Spiel sollte beginnen.

Also so schwer ist das ja gar nicht! Ich war stolz auf mich, dass ich das so gut hinbekomme … bis ich nach einiger Zeit merkte: die Sache hat einen Haken: Ich habe nur meine Züge aufgeschrieben. Die meiner Gegnerin habe ich weggelassen. Kein Wunder, dass mir das so gut von der Hand ging. Fehler passieren.

Mittlerweile zeigte mir mein Mann alle seine Partien, wenn er nach Hause kam. Das hat mein Auge ungemein geschult. Und ich hatte im Laufe der Zeit sogar auch mal bessere Ideen als er.

Da unsere jüngste Tochter auch mal kurz am Schach interessiert war, waren wir natürlich als Familie Mitglied im Schachverein. Versteht sich von selbst.

Nun kam der Tag, (mein Mann war mittlerweile Mannschaftsführer einer Mannschaft, in der unsere Tochter mitspielte), an dem ein Mannschaftsspieler fehlte. Nicht nur das – auch ein Fahrer für die fast nur aus Kindern bestehende Mannschaft fehlte. Warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und …. Ihr könnt es euch schon denken. Mein erstes Spiel stand mir bevor.

Ohhh ich war so aufgeregt. Nasse Hände und Angst davor etwas falsch zu machen. Mein Gegner, ein Junge im Alter meiner Tochter….und es war auch sein erstes Spiel. Wetten ich war aufgeregter als er?

Ich ließ es mir nicht anmerken. Den Vorteil, den man als Erwachsener doch manchmal hat, ist, dass jüngere Kinder noch Respekt vor Erwachsenen haben. Nur weil sie größer sind. (Dabei bin ich nicht mal groß.) Nicht alle, aber in diesem Fall war das so. Wir waren absolut auf einem Niveau. Ich würde mal behaupten, er hatte mehr Ahnung als ich. …. nur, da ich mich ja nicht als Schachspieler bezeichnen würde, der die Grundlagen hat, die Kinder in den Trainingseinheiten bekommen, spiele ich unkonventionell und nach unlogischem Bauchgefühl. Und dieses Bauchgefühl (verzeiht mir liebe Schachspieler) findet die lange Rochade einfach toll. Warum weiß ich bis heute nicht. Mittlerweile kann ich schon leicht eine Stellung beurteilen und mache doch schon mal eine kurze Rochade, aber das war ja mein erstes Spiel. Also wählte ich die lange Rochade einfach so aus dem Bauch raus. (Wahrscheinlich wusste ich nicht, was ich sonst ziehen sollte.) Das hatte zur Folge, dass mein Gegner total überrascht war. Ich hatte ihn so aus dem Konzept gebracht, dass er nicht mehr wusste, was er machen sollte. Und verlor die Partie.

Natürlich freute ich mich auch ein wenig über meinen Sieg, aber ich hatte mehr Mitleid mit dem Jungen. Er war ganz traurig. Ich weiß ja, es ist wie es ist und im Schach sollte der bessere gewinnen. Ich denke in diesem Fall hatte ich einfach Glück. Und eine Quote von erst mal 100 % 1/1.

Zu Einzelturnieren traute ich mich nicht. Das Problem in meinem Alter ist ja, wenn man/frau etwas macht, sollte es ja schon möglichst perfekt sein. Da ich ja einsehe, ohne Üben geht das nicht, verzichte ich bis heute darauf. Oh je, zu weit vorgegriffen.
Es kam ein weiteres Mannschaftsspiel wo meine Anwesenheit erforderlich war. Ja nur meine Anwesenheit, das wusste ich aber vorher nicht. Ich war genauso aufgeregt wie beim ersten Spiel. Mein Gegner kam nicht. 2/2 immer noch 100 %.

Meine 100 % gaben mir so viel Selbstbewusstsein, dass ich 2016 bei den Deutschen Meisterschaften im Dabei Cup mitspielte. Okay, nach einigen Überredungskünsten vom Trainer unserer Tochter und der Kooperation vom Turnierleiter, der mich dann direkt unten beginnen lies, (weil alles andere machte keinen Sinn. Nicht nur für mich nicht, sondern auch für die Spieler oben). Ich habe von 6 Spielen eins gewonnen. Lauter nette Gegner, bis auf einen, der es unter seiner Würde fand einen so schwachen Gegner wie mich zu haben. (Leider merke ich nicht, wenn ich verloren stehe und spiele munter weiter. Das zehrte wohl an seinen Nerven), so dass er nach seinem gewonnenen Spiel einfach abhauen wollte. Ich war froh, dass er das Brett nicht vom Tisch fegte. Aber meine netten Tischnachbarn brachten ihn zur Raison und er stellte brav seine Figuren wieder auf.

Einer anderen Mutter habe ich auch noch einen Punkt beschert. Somit hatten wir beide einen. Ich fühlte mich gut.

Ich habe das 2017 versucht zu wiederholen, bin aber erst später eingestiegen und hatte somit nur 4 Spiele, die ich leider alle verlor. Jedoch schachlich hatte ich im Laufe des einen Jahres viel dazu gelernt. Mein zweiter Gegner war ein sehr netter Herr mit einer DWZ über 1700 und da habe ich ziemlich lange gut mitgehalten. Leider zog ich kurz von dem Endspiel (vielleicht war es auch im Endspiel) den falschen Turm und aus war es. Bei meiner letzten Gegnerin verhedderte ich mich – wir spielten dann noch ein weiteres Spiel (inoffiziell) welches ich gewann. Sie bot mir an Remis einzutragen, aber da habe ich auch meinen Stolz. Und schon war ein wenig mein Ehrgeiz angestachelt.

Wieder zuhause bot sich mir die Gelegenheit … ich muss kurz erwähnen, dass ich seit meinem 14. Lebensjahr Ehrenamt mache. Verschiedene Dinge, aber immer mit Kindern. Zuletzt war ich an einer Schule tätig. Diese Schule bot mir nun (nachdem ich die Kinder oft bei Grundschulschachturnieren begleitet habe; hier mal den Dank an meinen Arbeitgeber, der mir das immer so ermöglicht: Danke!) eine Schach AG an. Puhhhhhh, da musste ich erst mal überlegen. Es war ja schon eine Herausforderung. Da musste ich erst 50 Jahre alt werden um dass sich aus meinem Ehremamt mal eine bezahlte Möglichkeit ergibt…, aber ausgerechnet Schach; (ich hatte mal eine Lizenz als Basketballtrainer, das könnte ich gut), aber Schach. Ich weiß nicht. Allmählich gefiel mir dieses Spiel ja. Überlegt. Mein Mann bestärkte mich. Okay. Ich stellte mich dieser Herausforderung. Machte ein kleines Schachpatent, damit ich etwas in/an der Hand hatte, womit ich die Kinder für das Spiel interessieren könnte.

Ich könnte über die Schach AG mit den Kindern eine weitere Geschichte zu Schach macht Spaß schreiben. Die Kinder sind so begeistert von Schach. Mädchen wie Jungen. Nach dem Regelunterricht – volle Konzentration – mit Spaß dabei. Und so lernbegierig. Die reinste Freude.

Ich muss vielleicht noch schreiben, dass ich seitdem ich etwas verstehe, die Spiele immer super spannend find. Hätte man mir das vor 20 Jahre gesagt, hätte ich meinem Gegenüber wahrscheinlich einen Vogel gezeigt. Schach – laaaangweilig. Das kann wirklich nur jemand behaupten, der keine Ahnung hat. So wie ich früher. Ich fiebere jetzt immer bei den Spielen meines Mannes und unserer Tochter mit. Unglaublich.

Ich schweife schon wieder ab. Wo war ich? Ach ja mein geweckter Ehrgeiz. Ich übe mehr und merke wie ich mir immer mehr merken kann. Früher musst ich meinen Gegner fragen, wenn er einen Zug gemacht hat, und ich ihn nicht gesehen habe. Ich kann sogar Varianten berechnen. Matt in zwei erkennen. Habe mir ein Schachbuch zugelegt und mache einen weiteren Schachlehrgang mit, um meinen AG Kindern noch mehr beibringen zu können.

Nun kam mein dritter Mannschaftskampf. Meine Stimmung war schon anders. Diesmal freute ich mich und war nicht ganz so aufgeregt wie sonst. Irgendwie fühlte ich mich sicherer als sonst. Warum? Ich habe mir am Tag vorher nochmal von unserer Jüngsten zeigen lassen, wie ich mich gegen Schäfermatt verteidigen muss. Auch wenn sie kein Schach spielen möchte, das kann sie sehr gut erklären. Da ich keine einzige Eröffnung beherrsche, wollte ich hier zumindest auf Nummer sicher gehen.

Hier die Partie (ich hoffe, ich habe alles richtig mitgeschrieben) : 1. e4 e5 2. Lc4 f6 3. Sc3 Se7 4. Sf3 d65. h3 Sbc6 6. Lb5 Ld7 7. d4 Sg6 8. Sd5 a69. Lxc6 Lxc6 10. dxe5 fxe5 11. Lg5 Le712. Lxe7 Sxe7 13. c4 Dd7 14. Sg5 h615. Dh5+ Kd8 16. Sf7+ Kc8 17. Sxh8 De618. Df7 Kd7 19. Dxe6+ Kxe6 20. Sxc7+Kd7 21. Sxa8 Lxe4 22. Sb6+ Ke6 23. Td1Lxg2 24. Tg1 Lxh3 25. Tg6+ Sxg626. Sxg6 Lg4 27. Tc1 Kf6 28. Sf8 Lf529. c5 Ke7 30. Sbd7 Lxd7 31. Sxd7 Kxd732. cxd6 Kxd6 33. Td1+ Ke6 34. Ke2 g535. Kf3 Kf5 36. Kg3 a5 37. a4 b6 38. b3h5 39. Kf3 e4+ 40. Kg3 h4+ 41. Kg2 Kf442. Td4 Ke5 43. Td8 Kf4 44. Tf8+ Kg445. f3+ exf3+ 46. Txf3 Kh5 47. Tf6 Kg448. Txb6 h3+ 49. Kh2 Kh4 50. b4 axb451. Txb4+ g4 52. Txg4+ Kxg4 53. a5 Kf454. a6 Ke5 55. a7 Kd4 56. a8=D Kc457. Kxh3 Kd4 58. De8 Kd5 59. Kg4 Kc560. Dd7 Kc4 61. Kf4 Kc3 62. Ke3 Kc463. Dd6 Kb5 64. Kd4 Ka5 65. Kc4 Ka466. Db4#

Okay, die Schachkenner haben es gleich bemerkt. Ich bin gleich im dritten Zug von meiner Vorbereitung abgewichen. Hab ich in dem Moment gar nicht bemerkt. Nun, ab da fühlte ich mich permanent in Bedrängnis. Das absolute Unheil begann dann mit meinem 14. Zug. Eigentlich wollte ich nur den Springer vertreiben und habe leider nicht gerechnet, sondern nur gezogen. Ein paar Züge später fiel auch mein zweiter Turm. Unerfahren wie ich bin, spielte ich natürlich weiter. Und irgendwann in den Mitte 30er Zügen fühlte ich mich so, als wenn ich mit dieser Stellung noch etwas reißen könnte. Vorausgesetzt er benutzte seinen Turm weiterhin nicht. Ich dachte die ganze Zeit, wenn ich jetzt mehr Erfahrung hätte, dann ließe sich da bestimmt etwas machen. Mit dem Gefühl versuchte ich noch ihn mit den zwei einzelnen Bauern auf der anderen Seite abzulenken. Da ging dann gar nichts mehr – auf beiden Seiten. Ab Zug 38 fühlte ich mich dann sehr gut; bis…ja bis er seinen Turm mitspielen ließ. Nachdem fast alles von mir abgeräumt war, dachte ich (pfiffig wie ich bin) könnte ich noch versuchen mich Patt setzen zu lassen….aber auch das ging gründlich in die Hose.

Glorreich untergegangen. Selber schuld, was übe ich auch nie. Seitdem mache ich brav täglich meine Taktikaufgaben in meiner Schachapp.

Also wenn jetzt noch einer sagt, Schach wäre langweilig und macht keinen Spaß – bitte zu mir schicken.

Verfasser: Luise Meijerink, Nordhorn

2. Das Problem mit dem Problem

Irgendein Nachmittag im Juni des vorigen Jahres. In Wien sitzt ein mittelmäßiger Schachspieler vor dem Schachbrett und versucht sich an folgendem Problem:

Otto Nerung,                                               #3

(Die nun folgenden Überlegungen und Handlungen entstammen einem Gedächtnisprotokoll und konnten nur mehr bruchstückhaft rekonstruiert werden.)
Sofort auffällig ist die Unbeweglichkeit der schwarzen Steine. Nur der Springer kann ziehen. Und den werden wir nun beseitigen. Aber Vorsicht: Beim Umwandeln des f-Bauern dürfen wir nicht die Dame wählen – Patt wäre die Folge! Daher 1. fxg8T. Damit muss der König ziehen. 1. … Kxc4. Und nun? Gott ist mein Zeuge: Ich habe Hunderte Züge versucht und keine Lösung gefunden! Das kann es nicht geben; so viele Möglichkeiten sind in der Stellung doch nicht vorhanden. Ich zog Türme, Springer und Läufer, versuchte mögliche und unmögliche Opfer zu bringen und zweifelte an der Richtigkeit der Stellung. Wie befürchtet stellte sich nach Überprüfung der Stellung heraus, dass alle Steine auf den vom Autor des Problems vorgesehenen Feldern standen. Also begann ich von vorne.

Akribisch notierte ich alle erlaubten Züge und beschmierte mit den Analysen stoßweise Papier. Ein ausgeklügeltes System für die Benennung der Blätter half mir beim Wiederauffinden der vielen gefundenen Varianten. Farbstifte kamen zum Einsatz, um die bereits leicht unübersichtlich werdenden Unterlagen durchschaubar zu halten. Das Wohnzimmer wurde zur Ablagestätte meiner zu Papier gebrachten Gedanken. Varianten 1 bis 8 deponierte ich auf dem Schreibtisch, Varianten 9 bis 12 auf dem Fernsehapparat und 13 bis 17 auf dem Bücherregal. Varianten 18 bis 24 musste ich kurzfristig ins Vorzimmer auslagern, weil meine rücksichtslose Familie den Esstisch für das Nachtmahl beanspruchte. Nach 15 Minuten hatte ich mich aber durchgesetzt, den Esstisch zurückerobert, und platzierte gerade die Varianten 25 bis 28 auf das Sofa. Als ich zu später Stunde versuchte weitere Varianten in der Küche zu stapeln, wurde ich dort von einer arbeitenden Person (sie kam mir zwar bekannt vor, doch wusste ich momentan nicht woher) eher barsch aus dem Raum gewiesen. Da ich ein friedliebender Mensch bin, weichte ich der angedrohten Gewalt und das Nachgerufene: „Ich bin deine dir angetraute Ehefrau!“ nahm ich erst nach Variante 31 wahr. Irgendwann zwischen 2 und 3 Uhr früh schlief ich auf Variante 34 ein.
Die Nacht war kurz und mein Schlaf ein einziger Albtraum. Überlebensgroße Schachfiguren bedrohten mich, grinsten mich hämisch an und wechselten laufend ihre Stellungen auf einem Schachbrett, das aus zusammengenähten Luftmatratzen zu bestehen schien. Schweißgebadet wachte ich auf, räumte etwa 200 kg Papier zur Seite und kam zu spät zu meiner Arbeit. Da sich im Leben alles ausgleichen muss, ging ich etwas früher und beugte mich bereits zu Mittag wieder über mein Schachproblem. Diesmal muss die Lösung gefunden werden!

Voll frischem Elan begann ich erneut die Stellung zu analysieren, durchforstete meine angelegten Varianten, fand zwar viele Fehler darin, aber keine Lösung des Problems. Viele Tassen Kaffee später war ich zwar der Problemlösung keinen Schritt näher, doch hatte ich eine neue Idee. Wozu hat man Freunde? Ich brachte die Stellung zu Papier, fertigte Kopien an und versandte diese per Briefpost und per e-Mail an Bekannte und Freunde mit der Bitte um einen Hinweis. Dann ging ich ins Kaffeehaus und versuchte dort mein Glück. Schamlos verteilte ich an die anwesenden Schachspieler die Problemstellung, unterbrach laufende Partien und forderte alle auf sich an der Suche nach der Lösung zu beteiligen. Nur mein an Irrsinn erinnernder Blick, so wurde mir später berichtet, hielt die Besucher von Protesten ab und ließ sie auf ihren Plätzen verweilen. Ein Blick durch das Lokal zeigte mir, dass alle Schachspieler am Problem arbeiteten und so platzierte ich mich in der Nähe des Ausganges und verwehrte jeden denselben, der nicht eine Lösung vorweisen konnte. Etwa eine Stunde bewiesen die Spieler Geduld und brüteten über ihren Brettern, doch dann versuchten die Feiglinge mit allen möglichen Argumenten das Kaffeehaus zu verlassen: „Ich habe noch einen beruflichen Termin.“ „Meine Frau erwartet mich zum Abendessen.“ „Ich muss zurück ins Altersheim.“ Alles Ausreden! Natürlich blieb ich hart und schickte alle zurück zu ihren Bretter. Erst zur Sperrstunde wich ich der Gewalt der Menge und gab den Ausgang frei. Selbstverständlich gab ich noch jedem einen Zettel mit der bewussten Stellung mit auf dem Weg und den Befehl, mich unverzüglich von der gefundenen Lösung zu informieren. Enttäuscht machte ich mich auf dem Heimweg. Zu Hause angekommen setzte ich mich sogleich zum Brett und verbrachte den Rest der Nacht mit meinem Problem.

Um 7 Uhr früh rief ich meinen Arbeitgeber an und meldete mich krank. Oder würdet ihr mich noch als gesund oder normal bezeichnen? Sogar meine Familie glaubte bei mir eine Psychose erkannt zu haben, welche der Volksmund einfach als Geisteskrankheit bezeichnet. Die nächsten Tage vergingen sehr langsam und wurden von mir nur verschwommen wahrgenommen. Ich nahm Abschied vom normalen Leben, irrte manchmal planlos durch die Stadt und Freunde erzählten mir später, dass ich auf Fragen mit unverständlichen Geplapper „Turm d3-d4, König b2-a3“ antwortete. Kaffeehäuser, die ich betrat, waren Minuten später leer gefegt, Bekannte, die mir auf der Straße begegneten, wechselten abrupt auf die gegenüberliegende Seite und in meinem Briefkasten fand sich keine Post mehr. Als ich begann meine Familie wie Schachfiguren zu behandeln, griff meine Frau ein. Sie zerbrach mein Schachbrett, warf die Schachsteine zum Müll, verbrannte meine Schachbücher und entzog mir alle meine Schachunterlagen. Es dauerte aber trotzdem noch einige Tage, bis ich fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen, der nicht mit Schach zu tun hatte. Dank meiner Familie gelang es mir diese kritische Phase meines Lebens schadlos zu überstehen und so kann ich heute nur lächelnd auf diese Zeit zurückblicken.

Bleibt noch zu berichten, was aus meinem Schachproblem wurde. Nun, es blieb für mich ungelöst. Aber das macht mir nichts mehr aus. Ich warte ganz einfach geduldig auf die nächste Schachzeitung und werde dann die Lösung präsentiert bekommen.

Verfasser: Alfred Stummerer, Wien

1. Die „besondere“ Schachpartie

Die „besondere“ Schachpartie

Mia hat richtig gute Laune heute
Denn sie trifft gleich lauter schlaue Leute
Sie geht zum Kinderschachturnier
Das gibt es jeden Sommer hier.

Mia freut sich schon auf all die andern
Da sieht sie Ben zum Turniersaal wandern
Die beiden Kinder sehr gern zur Schule gehen
Weil Schachunterrichtsstunden auf dem Stundenplan stehen.

Total aufgeregt betritt Mia den Raum
Nein, es ist ganz gewiss kein Traum
Da warten fast ein Dutzend Schachspieler fein
Aber wer wird wohl ihr Gegner sein?

In Runde eins, man glaubt es kaum
„Mia gegen Ben“, tönt es durch den Raum
Die beiden Anfänger nehmen Platz am Tische
Es kann endlich losgehen, in voller Frische.

Mia hat weiß, also darf sie beginnen
Sie möchte jetzt auf jeden Fall gewinnen
Entschlossen nimmt sie ihre Hand
Und setzt ihren Bauern nach vorn auf Feld e4 gewandt.

Ben rückt schnell seinen Bauern auf e5 heran
Was man an der Stelle absolut erwarten kann
Mia denkt: „Oh, den schnappe ich mir gleich!“
Und zieht ihre Dame mutig auf den h5-Bereich.

Die Antwort kommt sofort
Springer c6 deckt den Bauern am Ort
„Ach, schade“, denkt Mia, „Was nun?
Was kann ich jetzt weiter tun?“

Mia bringt nun die Figuren ins Spiel
Vom Läufer nach c4 erwartet sie viel.
Ben findet, sein anderer Springer sollte Angreifer werden
Also ab nach f6, voran mit den Pferden.

Ben denkt: „Mias kühne Dame ist in Gefahr!“
Doch leider ist ihm manches Unheil noch nicht klar
Mia hüpft gerade ein Lächeln ins Gesicht
Juhu, jetzt zeigt ihre Dame ihr wahres Gewicht!

Voller Vorfreude fasst Mia ihre Dame an
Und bewegt sie ganz dicht zum schwarzen König heran
Mutig nimmt sie den Bauern f7 fort
Und setzt ihre Dame stolz an diesen Ort!

Dann ruft sie: „Schachmatt!“, ja das war die Wende
Schwarz ist nun mit dieser Partie am Ende
Ben erschrickt und dann stellt er traurig fest:
„Die Dame gab meinem König hier wirklich den Rest.“

„Macht nichts“, denkt Ben dann, „Aber nächstes Mal gewinne ich!
Oder es gibt ein faires Remis für meinen Gegner und mich!“
Mia hingegen ist fröhlich und lehnt sich entspannt an die Wand
Ben reicht ihr zum Abschluss anerkennend die Hand.

Bens kluger Vater tritt später hinzu und referiert:
„Hätte Schwarz hier g6 gespielt, wäre gar nichts passiert.
Das nennt man Schäfermatt, merke dir das gut, mein Sohn!
Sicherlich wusste Mia das aber schon.“

Das war ein schneller Sieg für Mia in dieser Runde
Die folgenden Spiele dauerten aber mehr als eine Stunde
Mia war richtig gut an diesem Tage
Sie gewann das Turnier souverän, gar keine Frage.

Die Zuschauer klatschten begeistert bei der Ehrung der Sieger
Mia hielt zufrieden den Pokal hoch wie ein Überflieger
Ben hat etwas gelernt und Mia gab richtig Gas
Alle Kinder hatten heute beim Schachspielen ganz viel Spaß.

Verfasser: Antje Bothin, Haselbachtal