Inspiration

Die Schachnotation erlaubt, dass das Geschehen jederzeit und überall reproduziert werden kann. Gedankengänge und Emotionen werden nicht erfasst. Am Ende ist es wie bei einem Kunstwerk. Tieferes Verständnis und die Schönheit erschließen sich meist mit zusätzlichen Hinweisen zum Kunstwerk einfacher. So ist es auch im Schach. Kommentierte oder glossierte Partien erleichtern den Zugang, gewähren Einblicke in die Gedankenwelt, machen Entscheidungen transparenter, ermöglichen die Eleganz und Genialität besser zu verstehen. Glossen steigern die Lust am Lösen von Schachaufgaben und helfen, Schachstudien besser zu verstehen.

Laut Duden ist die Glosse ein knapper polemischer Kommentar. In alten Handschriften diente die Glosse der Erläuterung des verwendeten Ausdrucks. Sie bedient sich unterschiedlicher Stilelemente. Eine gute Glosse ist kurz und pointiert. Um den Sachverhalt nicht ins Lächerliche zu ziehen, werden neben guten Fachkenntnissen auch Fingerspitzengefühl, Sprachgewandtheit und Wortwitz benötigt.

Je größer der Wortschatz eines Menschen ist, umso treffender, eleganter und situationsgerechter kann er sich ausdrücken. Ein abwechslungsreicher Wortschatz erzeugt anschauliche Bilder beim Zuhörer, das Dargebotene wird lebendig. Wörter können mehr, als nur den schnöden Sachverhalt vom Sender (Sprecher) zum Empfänger (Hörer) transportieren. Die geschickte Wahl der Wörter weckt parallel zum Inhalt Emotionen, reduziert das Risiko von Missverständnissen in der Kommunikation miteinander.

Beispiel: Restaurant – Spitzengastronomie – Kaschemme – Kneipe

Die folgenden Wortfelder lassen erahnen, welch ungeheure Vielfalt zur Beschreibung des Geschehens auf dem Schachbrett möglich ist. Schachpartien, die unterhaltsam und kurzweilig präsentiert werden, machen neugierig und sprechen gleichermaßen Gelegenheitsschachspieler, Hobbyschachspieler Vereinsschachspieler an. Sie bleiben dank der blumigen oder witzigen Sprache besser im Gedächtnis haften, weil unterschiedliche Sinne gleichzeitig angesprochen werden:

  • das Sehen (visuell) – die Züge auf dem Schachbrett werden vor dem geistigen Auge nachvollzogen,
  • das Hören (auditiv) – beim Lesen des Textes spricht man unbemerkt das Gelesene aus,
  • das Gefühl (kinästhetisch), weil Emotionen geweckt werden.

Gut glossierte Schachpartien sind unterhaltsam, machen neugierig, fördern das Schachverständnis und führen zu besserem Schachleistungen.

Wer kennt nicht den Lehrsatz

„Springer am Rand,
bringt Kummer und Schand“?

Er vermittelt einprägsam, dass der Springer nicht an den Brettrand gehört, weil da seine Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt ist. Während der Springer in der Brettmitte 8 Felder erreichen kann, sind es am Brettrand nur noch 4 und in der Ecke gar nur 2 Felder.

Eine willkürliche Auswahl von Schachautoren, die dem schachinteressierten Publikum das königliche Spiel in leicht verständlicher, amüsanter und lehrreicher Form  nahe bringen:

  • Burkhard Starke, der legendäre Schachlehrer der SG Leipzig (früher MoGoNo Leipzig), goß viele Schachweisheiten in leicht verständliche Schachreime, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen in Erinnerung bleiben. Seine einprägsamen Reime wurden in dem fantasiereich illustrierten Schachbuch „Starke Bauernregeln“, dem offiziellen Lehrbuch der Stiftung „Deutsches Schulschach“, veröffentlicht.
  • Die Schachbücher von Kurt Richter (1900-1969), dem großartigen Berliner Schachspieler, sind bis heute unübertroffen. Als Schachspieler begeisterte er die damalige Schachwelt mit seinen zauberhaften Kombinationen und als Autor verstand er es wie kein anderer, „das meistens trockene Schachmaterial in lebendiger, witziger und unterhaltender Weise zu erläutern“.[1] Allein die Buchtitel und Untertitel sind einladend und versprechen Kurzweil beim Schmökern:

„Kurzgeschichten um Schachfiguren“ – Ein Bilderbuch des Schachspiels zugleich ein Unterhaltungsbuch für Schachfreunde (Walter De Gruyter & Co, Berlin 1947)
„Schach-Delikatessen“ – Ein Züge-Cocktail aus dem Reich der 64 Felder  (Walter De Gruyter & Co, Berlin 1961)

  • Albin Pötzsch betreute vier Jahrzehnte die Rubrik „Hohe Schule der Kombination“ der Zeitschrift „Schach“. Kurt Richter war immer sein großes Vorbild. Mit Anekdoten, Wortspielen, Ausflügen zu Film und Buch versah er die Taktikaufgaben und sorgte für allerlei Kurzweil.
  • Emil Ramin (1885- 1963) begeisterte sich für das Problemschach. Seine fantasievollen und ausdrucksstarken Beschreibungen der Schachprobleme, wecken beim geneigten Leser Lust auf mehr.

Die folgenden Seiten sollen Inspiration geben, um eigene Schachglossen zu verfassen.

 

[1] Paul Keres, sowjetischer Schachgroßmeister, über Kurt Richter im Vorwort „Schönheit der Kombination“, Golz/ Keres, Sportverlag Berlin, 1983