Dr. Zabel

Eine Stunde mit Dr. Zabel*

„Älter scheinen Sie auch nicht zu werden, lieber Doktor.“ – „Aber dümmer!“, erwiderte Dr. Zabel in edler Selbsterkenntnis. „Oder hätten Sie das folgende Endspiel auch so schlecht behandelt?“

Man lernt nie aus

Dr. Zabel (Weiß)

Ich sollte hier mit dem Läuferpaar und dem Raumvorteil wohl siegen.
(Etwa 1. Lc2 Sa6 2. Ld6 Lc8 3. Ke5 Kd7 4, Ld3 Sc7 5. L:c7 K:c7 6. Kf6 usw. Analyse in „Sahs“). Statt dessen dachte ich: nimm mal erst den Springer weg, dann hast du gleiche Läufer und leichten Gewinn. Und was hatte ich? Ungleiche Läufer!
Wieso? was kam nach 1. L:b8?
(Aus einer Partie Taimanow – Bronstein, Moskau – Leningrad 1960)
Schwarz nahm nach 1. L:b8? nicht den Lb8, sondern den La4, indem er zunächst 1. … c5+!! spielte. Danach blieben ungleiche Läufer übrig und die Partie endete Remis.

Die vereitelte Flucht

Dr. H. Müller – Dr. Ch. Olroth, Köln 1960

Mit 1. Tc1 unternahm Weiß einen verzweifelten Versuch, mit dem König etwa über d1 oder d3 noch einmal „davonzukommen“. „Aber da werden wir ihn schon auch noch erwischen“, sagte Dr. Zabel kampfeslustig und begann mit 1. … Da2+ die Jagd auf den König. Nicht so Dr. Olroth. Er schoss mit stärkerem Kaliber.
Wie würden Sie auf 1. Tc1 erwidern?

„Es ist ein Kreuz mit den Fehlern“, klagte Dr. Zabel, „die besten Vorsätze nützen nichts. Der Geist ist willig …“
(Ein Großmeister meinte allerdings einmal, es könnte auch umgekehrt sein. Doch das ist gewiss ein zu hartes Urteil. Die „Macht der Gewohnheit“ darf im Schach nicht unterschätzt werden.)

Wie verbaut man dem König den Fluchtweg? „Ja, wenn Sie so fragen, sehe ich es auch!“, und Dr. Zabel zog sehr richtig
1. … Ta1+! 2. K:a1 Da4+ 3. Kb1 b3!
Weiß gab auf. Wahrscheinlich hätte 1. … Da2+ schließlich auch entschieden. Aber so war es – entschieden stärker!

Eine Fangfrage

Doitschinow – Bobozow, gespielt in Bulgarien 1960

„Eine Doktorfrage!, sagten wir scheinheilig, „Schwarz ist am Zuge, wer steht besser?“
„Nun“, entgegnete Dr. Zabel nach kurzem Besinnen, „natürlich steht Schwarz besser, weil aggressiver. Aber ob dies …“ hier unterbrach er sich plötzlich, drohte mit dem Finger und sagte lächelnd: „Sie wollten wohl wieder ein Beispiel für Ihre Einfälle – Reinfälle haben!? Aber nicht mit mir!“
Was hatte Dr. Zabel entdeckt?
(Wir schieden trotzdem im besten Einvernehmen, aber mit dem beiderseits stillen Vorsatz, den Partner beim nächsten Mal mit allerlei „vergifteten“ Delikatessen hereinzulegen!)

Solchermaßen gewitzt, fiel bei ihm in dieser Schlussstellung verhältnismäßig rasch der Groschen! Es ist keineswegs nötig, die Position irgendwie „abzuschätzen“, denn Schwarz kann effektvoll in drei Zügen mattsetzen:
1. … D:h3+! 2. K:h3 Th5+ 3. Kg4 Lc8 matt.
So kann man sich täuschen! („Aber nicht mich!“, mit diesen Worten verschwand der Doktor, freundlich grüßend.)

 

 

 

*Dr. Zabel, gemäß einem Wort Christian Morgensterns „nichtexistent im Sinne bürgerlicher Konvention“, ist gleichwohl ein guter geistiger Freund. Es sei daher gestattet, ihn einmal zu Worte kommen zu lassen.

„Schach-Delikatessen“ Ein Züge-Cocktail aus dem Reich der 64 Felder, Kurt Richter, Walter de Gruyter & Co., Berlin 1961, mit freundlicher Genehmigung des Joachim Beyer Verlages (www.beyerverlag.de)