Drei gegen Sechzehn!

(Kleines Kapitel für Lernende.)*

3 gegen 16
Matt in zehn Zügen (Nicolo Sardotsch „Nuova Rivista“ 1886)*

Ein Zehnzüger für Lernende? Ist das nicht geradeso als wenn man ein Bergkücken vor den Mont Blanc stellt und sagt: „Klettre hinauf! Berg Heil!“ Ist so ein Monstrum von einem Schachproblem nicht eher etwas für ausgekochte Problemfüchse, die mit allen Wassern gewaschen, mit allen Hunden gehetzt sind? — Ja, wahrhaftig! Der Komponist hat das ganze Schachkästel ausgeräumt mit den schwarzen Steinen! Wenn ich den ganzen Zirkus da vor mir sehe, wird mir ganz schwarz vor den Augen. Ein moderner Maler mit expressionistischen Anwandlungen, wenn er so eine Schwarzmalerei ausstellte, könne sein Bild ganz gut „Kohlenbergwerk“ nennen. Ich glaube, er würde einen guten Preis dafür erzielen. Und der Weiße? Die drei verlorenen Steine auf dem Diagramm kommen mir vor wie Missionare unter Kannibalen am Kongo. Ich höre schon das Messer wetzen, ich sehe schon das Feuer prasseln. Bald ist es so weit…

Was soll ich armes, unwissendes „Greenhorn“ mit diesem Zehnzüger anfangen? Man steht doch davor wie der . . . (ch = ein Buchstabe) am Berg. Keine Andeutung, kein Hinweis, kein Stichwort, das einem weiter hülfe — gar nichts! Der windschiefe Läufer auf f1, ob er wohl das Rennen macht? Der dickköpfige Turm im Eck, was hat er für eine Rolle in diesem Schauspiel in zehn Bildern?

Man müsste dem Ding auf die Spur kommen! Es wäre blamabel, zu warten, bis die Lösung kommt. Es wäre keine Kunst, sie einfach abzulesen, nachzuspielen, sie so zu behandeln wie eine Ware, die man aus dem Lagerregal (von hinten nach vorn zu lesen) hervorholt. Das kann jenes graue Reittier (von hinten nach vorn zu lesen) auch, das mit seinem Marktkram (von hinten nach vorn zu lesen) auf dem Buckel am Reliefpfeiler (von hinter nach vorn zu lesen) lehnt und bockt und einfach nicht mehr weiter will. Ich meine, das kann jeder . . . . !

Man muss ja schließlich etwas für seine (Schach-)Bildung tun! Das ist man sich schon als gesitteter Mitteleuropäer schuldig. Das Schachwissen sei ein Teil der universellen Bildung überhaupt, so las ich es einmal. — Halt! Ich hab’s! Natürlich ist das die Problemidee! Das alles überragende Wunsch- und Traumbild, das dem Komponisten vorgeschwebt hat. Der brave Läufer muss einen fulminanten Panthersprung machen. Er grüßt seinen schwarzen Kollegen von der „anderen Fakultät“ und sagt: „Sie gestatten schon, Herr Nachbar!“ Und dann dreht er sich um und ruft über das ganze Brett, dass es dem schwarzen König im jenseitigen Eck in die Ohren gellt: „Schach!“ Und dann ist die drahtlose Verbindung zwischen ihm und dem Turm auf a1 hergestellt und sie reißt nicht mehr ab. Also: l.Lf1 — … !

Die Lösung kann hier angefordert werden.

*Emil Ramin, „Im Wunderland des Schachproblems“, 1958, mit freundlicher Genehmigung des Joachim Beyer Verlages (www.beyerverlag.de)