Für solche Züge gibt’s in der Schach­­grund­schule eine 5

Eine Kampfpartie aus dem Nichts begeistert auch die jüngsten Zuschauer, weil sie Züge sehen, die im Lehrbuch verboten sind. Karjakin kann Carlsen nur knapp entwischen.

Von Ulrich Stock, New York

Auch wenn das Publikum in New York, oben im Fulton Market Building am East River, von den beiden Duellanten kaum etwas sieht – es macht doch einen Unterschied, ob man das Geschehen auf dem Brett zu Hause am Bildschirm verfolgt oder hier am Ort. Jede kleine Schwankung des Kampfes spiegelt sich in den Zuschauerreaktionen, die einander verstärken, sich vereinen und schließlich wie eine Welle durchs Haus laufen, bis alle gemeinsam den Atem anhalten oder laut stöhnen wie in einem Stadion.

Magnus Carlsen beginnt, anders als in der ersten Runde, nicht mit dem Doppelschritt des Damenbauern. Er zieht den Königsbauern zwei Felder vor, ein stiller Gruß an den großen Bobby Fischer und ein Weckruf für sein Gegenüber: In diesem Kampf über zwölf Runden wird Sergej Karjakin sich auf nichts verlassen können.

Der wählt die nach jahrhundertelangen Erkundungen stärkste Entgegnung: den Doppelschritt des schwarzen Königsbauern. Stärkste Entgegnung heißt nicht, dass nun alles gut wäre. Im Schach ist für den Schwarzen selbst bei richtigem Spiel nie alles gut. Zu stark fällt der Anzugsvorteil des Weißen ins Gewicht, Schwarz muss schon sehr präzise spielen, um die Stellung auszugleichen. Es kann viele Züge dauern, bis man sich zurücklehnen und sagen kann: alles gedeckt, alle Figuren im Spiel, genug Raum, keine Schwächen, sicherer König. Manchmal genügt schon ein kleiner Mangel, um dem Schwarzen das Leben schwer zu machen.

Magnus Carlsen führt es an diesem Montag vor. Zunächst wählt er die Spanische Eröffnung. Karjakin verteidigt sich nicht klassisch, sondern mit der Berliner Verteidigung, unter Meistern salopp Berliner Mauer genannt. Die Mauer ist unbeweglich, ungemütlich und ob des frühen Damentauschs bei den nach Action dürstenden Schlachtenbummlern unbeliebt, aber sie steht und steht. Alle Versuche, Löcher in die Mauer zu schlagen, sie endlich einzureißen und aus dem Weg zu räumen, sind in den letzten Jahren gescheitert.

Carlsen versucht es heute mit einer Nebenvariante, die noch zahnloser wirkt als die Hauptzugfolge. Im Publikum gibt es sofort ein Gemurmel. Man möchte jetzt mal knackige Kombinationen erleben statt endloser Figurenmanöver, bei denen dann ja doch nichts herauskommt!

Den Weltmeister kümmert das nicht. Im 10. Zug zieht er seinen angegriffenen Turm auf das Feld e2 statt auf die Grundreihe zurück und versperrt nun gleichermaßen Dame und Läufer den Weg.

Das Publikum feixt

Auf der Schachgrundschule lernt man so was nicht. Da bekommt man eine 5 dafür. Der Zug sieht superkrank aus. Sofort ist er das Thema im Saal. Was soll das denn? Hat das schon mal jemand gespielt? Irgendwer behauptet zu wissen, Carlsen habe den Zug mal versehentlich gespielt, beim Blitzen im Internet, Maustaste zu früh losgelassen. Dann habe er angefangen, darüber nachzudenken, und so weiter.
Karjakin, der bis eben die Züge hinuntergekloppt hat, verfällt ins Grübeln. Das hat er noch nicht gesehen. Oder er hat es schon mal gesehen, aber eben nur mal. Wenn Carlsen das im WM-Kampf bringt, hat er nicht versehentlich die Maustaste losgelassen, sondern eine Tür aufgestoßen, von der er weiß, was hinter ihr ist, während Karjakin es nur ahnt.

carlsen-karjakin
Carlsen-Karjakin, WM 2016, 3. Partie,
Stellung nach dem Zug 10. … b6

Karjakin zieht einen Bauern am Damenflügel, um seinen weißfeldrigen Läufer zu entwickeln. Und jetzt kommt der Knüller: Carlsen zieht den Turm auf die Grundreihe zurück.

Welch Tempoverlust! Da fangen selbst die Meister im Publikum an zu feixen, aber in ihrem Spott klingt neben der Ratlosigkeit auch Respekt an. Das ist so gegen alle Regeln, das hat was. Und die vielen Kinder im Saal wundern sich: Sagt man ihnen nicht immer, man solle in der Eröffnung eine Figur nicht zweimal ziehen? Von elf Zügen hat der Weltmeister fünf mit dem Turm gemacht!

Der Weltmeister spielt wieder mal sein Spiel

Karjakin plagen andere Sorgen. Er hat einen Springer vor seinem Damenbauern stehen, der ihm eine normale Entwicklung erschwert. Wie kann er ihn auf ein besseres Feld bringen? Er tauscht zunächst Figuren ab, um Druck gar nicht erst entstehen zu lassen. Dann zwingt er Carlsen, den blöden Springer zu schlagen. Super, das wäre geschafft. Dafür hat Karjakin allerdings mit seinem Läufer zurückschlagen müssen, und nun steht der so doof da wie zuvor der Springer.

Allmählich beginnt dem Publikum die Sache Spaß zu machen. Die Akteure haben 22 Züge gespielt, und Karjakin hat sein Sich-selbst-im-Weg-steh-Problem immer noch nicht gelöst. Als hätte der Läufer eine Eisenkugel am Fuß wie die Panzerknacker in den Donald-Duck-Heften, in denen die jüngsten Schachfans zwischendurch lesen.

Als Karjakin den Läufer schließlich bewegt, zieht er ihn wieder dahin, wo er hergekommen ist, auf sein Ursprungsfeld. So recht geht es mit seiner Entwicklung nicht voran. Dafür hat Carlsen einen prachtvoll positionierten Springer und einen Turm, der die einzige offene Linie im Spiel kontrolliert.

Dafür kann er sich nichts kaufen, noch nicht, aber vielleicht ja bald. Das Gefühl schleicht sich ein, dass der Weltmeister mal wieder sein Spiel spielt. Ein leichter, unangenehmer Druck und dann immer noch eine Idee, wo andere schon Remis anbieten würden.

Im 30. Zug kommt endlich Karjakins Turm in Fahrt und greift im weißen Hinterland einen Bauern an. Aktives Spiel, Schachgrundschüler aufgepasst! Leider scheint dieser Zug ein Fehler zu sein. Denn Carlsen lässt Karjakins Turm abtropfen. Da steht der nun plötzlich so wirkungslos herum wie erst der Springer, dann der Läufer. Eine Unannehmlichkeit folgt der nächsten.

Schwarz in Bedrängnis

Um dem Spuk ein Ende zu bereiten, entschließt sich Karjakin einen Bauern zu opfern. Das verschafft ihm Spiel. Ob es reicht? Eine ganze Weile lang sieht es so aus. Sergej Karjakin ist ein zäher Hund, ein Virtuose der Verteidigung. Er stellt Turm und Läufer prima auf, alles gut! Aber just in dem Moment, da der Ausgleich erreicht scheint, findet Carlsen die nächste Ressource: Er überlässt seine Bauern auf der dritten Reihe ihrem Schicksal, stürmt mit dem König voran und bringt den Schwarzen nun richtig in Bedrängnis.

Der elfjährige Ethan Litnan, der mit seinem Vater aus Golden Valley in Minnesota angereist ist und Magnus Carlsen glühend verehrt, findet, dass Karjakin nun mal aufgeben könnte. Aber, Ethan, glaubst du denn im Ernst, dass Carlsen jetzt gewinnt? „Ja“, sagt Ethan, „er muss es nur sehen.“
Karjakin opfert seine vorletzte Figur, hat jetzt nur noch einen Turm und zwei Bauern, Carlsen ist weit im Plus, aber er sieht den Gewinn nicht und verpasst ihn. Mit einer studienhaften Wendung kann der Russe dem Wikinger entwischen – Remis!
Das Publikum ist begeistert. Was für eine Partie! Sechs Stunden und vierzig Minuten. Beifall für den Herausforderer. Karjakin strahlt, Carlsen grummelt. Ethan Litnan, das Donald-Duck-Heft unter dem Arm, holt sich von beiden ein Autogramm.

 

*mit freundlicher Genehmigung von ZEIT ONLINE (www.zeit.de/thema/schach-wm)

vollständige Partienotation