Schach lehrt Schach

Vier Jahrzehnte betreute Albin Pötzsch die Kolumne „Schach lehrt Schach – Hohe Schule der Kombination“. Dabei wandelte er auch auf den Pfaden von Kurt Richter.

Hier sind Kostproben aus dem Jahr 1979 (Heft 10 und 11)*:

Heft Nr. 10/ 1979

Lukin – Nurmamedow, Moskau 1979

„Madame auf Abwegen“, lautete einst ein Filmtitel, der uns nun das Motto zu den beiden nächsten Exempeln liefert. Während hier die pechschwarze Dame auf a3 zur Badekur weilt, geht ihr Gatte daheim baden! So sind im Leben die Rollen verteilt! Sehen wir uns diesen Schach-Film an:
1. S:f7 e6
So oder so, der schwarze Herrscher muß in die Wanne! Man sehe: 1. … L:f7 2. S:e7+! S:e7 3. L:f7+ Kg7 4. Dh6 matt!
2. Se7+ S:e7 3. Sh6+ Kh7 4. Sf5+ nebst Springermatt auf e7. Und was sagte die schwarze Majestät dazu? Sie sagte gar nichts, sie trällerte vielmehr ein Liedchen, und zwar mit dem Text „Laß mich dein Badewasser schlürfen“, gerichtet an die Adresse der immer noch abwesenden Dame. Ja so sind die Männer (manchmal! Red.)!

 

Gowbinder – Kapengut, Moskau 1979

Nicht viel anders geht es hier zu, doch der Gerechtigkeit halber diesmal im weißen Hauswesen! Wir sehen die weiße Herrscherin auf a4 lustwandeln, während über ihren Gemahl ein Donnerwetter hereinbricht. Lassen wir diesmal unsere Leser das himmlische Feuerwerk zünden (Schwarz am Zuge)!

Der Blitzschlag lautet 1. … T:e2! mit der Idee 2. S:e2 D:f3 bzw. 2. T:e2 L:f3 usw. Weiß kapitulierte lieber sofort.

 

Heft Nr. 11/ 1979

Osmanagic – Gligoric, Sarajevo 1963

Wenn Steine reden könnten … So hört man oft angesichts von ehrwürdigem Gemäuer sagen und seufzen. Dabei führen Steine doch eine sehr beredte Sprache, die Schachsteine nämlich! Wenn wir uns die vorliegende Position betrachten, können wir ablesen, dass hier wilde Leidenschaften getobt, Affekte wie Feuerbrünste gelodert haben. Am Ende aber blieb bei dem Anziehenden nur noch der Wunsch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, was ihm auch tatsächlich gelang. Wollen Sie, werter Leser, es erst einmal im Alleingang versuchen?

Auch hier gelangt Weiß mit dem tollkühnen Sprung
1. D:g6+ f:g6 2. f7+ Kh7 3. Th3+ Lh6 4. Sg5+ Kg7 5. Se6+
auf die Remis-Schaukel.

Kasparow – Polugajewski, Moskau 1979

Die Geschichte von Kolumbus und dem Ei ist zu bekannt, als dass wir sie hier noch einmal kolportieren dürften. Im Grunde genommen ist eben alles ganz einfach, man muss es nur richtig anpacken! Dies erweist sich auch bei der Betrachtung der beiden vorliegenden Schlussspiele von der diesjährigen Spartakiade. Im ersten Beispiel hat Schwarz gerade seinen d-Bauern vorgerückt (besser war f7-f6) und dabei die Erwiderung 1. … e5! außer acht gelassen, denn nun gerät sein König in Mattgefahren.
1. … h6 2. Th5 T:e5
Wenn das ohne weiteres ginge, wäre Schwarz aus dem Ärgsten heraus, aber …
3. f6!
Da haben wir es, das Kolumbusei! Schwarz könnte aufgeben, denn er steht vor dem Dilemma Matt oder Turmverlust. Es folgte noch
3. … Tf2+ 4. Kd3 Tf3+ 5. Kd4 Te4+ 6. K:d5 Te8 7. T:h6 Tf5+ 8. Kd4 Tf4+ 9. Kc5 Te5+ 10. Kb6 Te8+ 11.Tc6!
Gut, aber auch notwendig, denn anderenfalls schlägt Schwarz auf f6 oder setzt gar noch selbst matt (11. Ka5? Ta4 matt!). Der Textzug dagegen lässt Schwarz keinerlei Hoffnung mehr, und deshalb gab er endlich auf.

Jegin – Tukmakow, Moskau 1979

Hier kann Schwarz zwar auf den Mehrbesitz eines kapitalen Turms verweisen, aber der Gegner droht so allerlei. Da hilft nur ein Kolumbusei:
1. … Tg4!
Wieder einer jener Züge, die hinterher ganz selbstverständlich aussehen. Wie man leicht erkennt, darf Weiß den dreisten Turm nicht schlagen, und damit sind seine Angriffsträume ausgeträumt. Es folgte noch:
2. L:g7+ T:g7 3. Dh6+ Kg8 4. De6+ Kh7 5. Df5+ Kh6 6. De6+ T7g6!,
und nach diesem neuerlichen „Eiersegen“ gab Weiß auf. Ein pikantes Finale!

 

 

 

 

 

* mit freundlicher Genehmigung des EXZELSIOR VERLAG GMBH, Herausgeber der Zeitschrift „Schach“ (www.zeitschriftschach.de)