Mikrofon auf Extratouren

Am 01.03.1949, Faschingsdienstag, brachte Radio Stuttgart in einer Unterhaltungssendung folgende parodistische Reportage:

Sprecher: Für unsere Schachfreunde bringt heute an Stelle unseres verhinderten Schachfunkers der Sportberichterstatter Gerd Krämer einige Ausschnitte aus der Partie des deutschen Altmeisters Werner Knobler gegen den holländischen Spitzenspieler Daderwegen. Sie hören die Aufnahme:

(Typisches Sportplatzgebrüll – dann der aufgeregte Sprecher)

Liebe Schachsportler, es ist ein großartiges, ein erbittertes Ringen, das sich hier vor unseren begeisterten Augen abspielt. Die 64 Spielfelder befinden sich in geradezu idealer Verfassung, und wir dürfen sagen, dass die beiden Meister heute ein völlig einwandfreies Brett vor ihrer Denkerstirn haben. Soeben betritt der weiße Bauer Cäsar 4 , von Meister Knobler prächtig dirigiert, das Feld Emil 4 … eine ziemlich spanische Variante . . . aber der Holländer pariert glänzend diese ganz unverhüllte Drohung: Blitzartig stößt der schwarze Bauer Gustav 7 vor und schlägt … ja … er schlägt tatsächlich den weißen Bauern Gustav 8 . . . und jetzt schlägt der weiße Bauer Emil 4 zurück … so ganz en passant revanchiert er sich an dem schwarzen Bauern Heinrich 6 … und jetzt schlägt Berta 5 Dora 5 … es ist eine allgemeine Bauernschlägerei im Gange … ein wilder Schlagwechsel … und wir können von hier aus noch nicht erkennen, was sich daraus ergibt. – 0:0 steht der Kampf, noch ist auf beiden Seiten kein Schach gefallen … wenn auch das harte Ringen an den Bauernkräften die Meister zehrt. Schon wieder wird dort unten ein Bauer vom Platz gestellt … Wer ist es denn? … Ja, es ist der Bauer Adolf 1 – heißt tatsächlich noch Adolf, wenn wir das noch schnell sagen dürfen – der sich das Spielfeld jetzt von außen ansehen muss. Hart an der Spielfeldgrenze sammeln sich die Randfiguren … gleich an der Ecke … stehen sie, und das Eckensteherverhältnis steht 5:3 für den holländischen Meister, den Meister der fliegenden Kombination, den fliegenden Holländer, wie er in Schachkreisen auch genannt wird. Jetzt wird von Knobler die Dame Berta 8 vorgeschoben, wie immer in so gefährlichen Situationen … aber da kommt der pechschwarze Läufer Heinrich 3 die Linie heruntergerast … herrlich kommt er herein … und jetzt … jetzt schlägt er den Springer Gustav 7, das beste Pferd im weißen Stall. – Das war ein Schuss aus dem Hinterhalt, meine Hörer, ein kluger, aber ganz versteckter, hässlicher Zug, der da fahrplanmäßig eingetroffen ist. Was macht nun der deutsche Meister, das ist die Frage … macht er was? Zunächst macht er einen stark geschwächten Eindruck … aber da tritt schon der weiße Turm Emil 4 zum Strafstoß an … mit voller Wucht trifft er auf die Dame Dora sechs … die Dame scheint angeschlagen … ja … jetzt wird sie vom Platz getragen. Aber deswegen gibt Daderwegen das Schachspiel noch lange nicht auf … jetzt ist der schwarze Bauer Cäsar 2 durchgebrochen … das war ein glatter Einbruch, der sich da vor unseren Augen vollzog … ein Einbruch in die feindliche Stellung … fluchtartig emigriert … pardon … rochiert der König Friedrich 2 nach Friedrich 5 … dafür fällt nun der weiße Turm Gustav 5, der letzte Turm der Schlacht, er wird von dem schwarzen Bauern ausgeschlachtet. Das Spiel liegt jetzt in den letzten Zügen … Knobler versucht noch einmal den Springer Cäsar 4 zu seiner Entlastung vorzubringen … aber da hat sich der schwarze König freigemacht … schlägt Heinrich 5 … Knobler wird jetzt in die Zange genommen … Gustav fünf nach Berta sieben … das schwarze Pferd schlägt Heinrich 3 …. die Bauern fallen jetzt wie die reifen Früchte … sie liegen förmlich in der Luft … es riecht schlecht für Knobler, der einen schachmatten Eindruck macht … Dora acht geht jetzt rückwärts vor … da … (schreiend) Schach! Schach dem König, wem denn sonst, und Matt, meine Hörer, Matt!!

Der Kampf endete mit einem siegreichen 0:1 für den Holländer Daderwegen über den Deutschen Knobler.

 

(mit freundlicher Genehmigung des Historischen Archivs des SWR)